Entwicklung zum Schlafdorf verhindern
1. Dezember 2005 von dorfladen-netzwerk | kein Kommentar
Im November 2005 stellte Günter Lühning vom Dorfladen-Netzwerk auf Einladung der Gemeinde Sande in Cäciliengroden im Kreis Friesland das Dorfladen-Konzept vor. 100 interessierte Einwohner nahmen an der Bürgerversammlung teil. Drei Zeitungen berichteten über die Bürgerversammlung und den Vortrag über Dorfläden “von Bürgern für Bürger”.
Einen Pressebericht veröffentlichen wir hier beispielhaft:
ENTWICKLUNG ZUM SCHLAFDORF VERHINDERN Günter Lühning stellte das Modell “Dorfladen” in Cäciliengroden vor / Bildung eines Arbeitskreises
Das letzte Lebensmittelgeschäft hat zum Jahresanfang seine Pforten geschlossen. Wie kann die Situation verbessert werden?
CÄCILIENGROOEN/DW – Im Februar schloss Cäciliengrodens letztes Lehensmittelgeschäft seine Türen. Ein herber Schlag für das 1400 Einwohner zählende Dorf: Insbesondere für ältere Menschen und Einwohner ohne eigenen Pkw ist der Einkauf für den täglichen Bedarf nun mit Schwierigkeiten oder hohem Aufwand verbunden. Auf Anregung der SPD-Fraktion überlegt man nun, ob sich nicht ein so genannter „Dorfladen” einrichten ließe – unter dem Motto “von Bürgern für Bürger”. Die Gemeindeverwaltung hatte deshalb zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. Als Referenten konnte sie Günter Lühning aus Otersen gewinnen, der das Modell „Dorfladen” vorstellte. Ein Dorfladen wird in seinem Heimatort bereits seit fünf Jahren erfolgreich betrieben. „Erfolgreich“ bedeutet bei diesem Modell bereits “dicht an der schwarzen Null”. Für Cäciliengroden steht mehr auf dem Spiel als “nur” die fehlende Grundversorgung: Es besteht die Gefahr, dass sich Cäciliengroden zum Schlafdorf entwickelt, stellte Bürgermeister Josef Wesselmann bereits in seiner Begrüßung fest. Günter Lühning bestätigte diese Aussage: in Niedersachsen haben sich in den zurückliegenden Jahren mehrfach Dörfer mit einer eigentlich guten Infrastruktur durch den Wegfall des letzlen Geschäftes oder Supermarktes zu Schlafdörfern entwickelt. “Das wirkt sich letztendlich auch auf die Immobilienpreise aus. Ein Ort ohne Einkaufsmöglichkeit verliert an Attraktivität”, so Lühning. Immerhin hat Cäciliengroden seit Oktober seinen eigenen Wochenmarkt, der laut Wesselmann von den Bürgern sehr gut angenommen wird und mit dem auch die Marktbeschicker sehr zufrieden sind. Der Sparkassenleiter Günter Lühning hatte in Otersen den Dorfladen mit errichtet und stellte das Gesamtkonzept, auch mit Blick auf Cäciliengroden, vor. Anders als in Otersen, wo von den Bürgern ein bestehender kleiner Supermarkt direkt nach dessen Schließung wieder eröffnet worden war, stellt sich in Cäciliengroden zuerst einmal das Problem, passende Räume zu finden. Auch gilt es im Vorfeld, die Finanzierung zu taxieren: bei dem von Lühning vorgestellten Modell kann jeder Bürger sich mit gezeichneten Anteilen beteiligen. “Wichtig ist es, das darüber hinaus benötigte Kreditvolumen so niedrig wie möglich zu halten”, erläuterte Lühning. Doch auch die beste Planung und Finanzierung wäre nutzlos, wenn die Bevölkerung nicht mitzieht: “Das ganze Dorf muss voll dahinterstehen, sonst braucht man gar nicht erst anzufangen!” Deshalb sei auch die finanzielle Beteiligung der Bürger nicht zu unterschätzen: “Wer mit einbezahlt hat, bleibt auch beim Einkauf bei der Stange”. Der kleine und mittlere Lebensmitteleinzelhandel habe nach Aussage von Fachleuten durchaus gute Chancen, wenn weitere Dienstleistungen mit angeboten würden. Zum Beispiel Versandservice, Lottoannahme, Fotoarbeiten oder Partyservice. Es geht vor allem darum, die Kunden in den Laden zu bekommen”, sagte Lühning. In Otersen kam man seinerzeit auf ein Gesamtkostenvolumen von 163 000 DM. Das Eigenkapital lag bei 103 000 DM, von der Gemeinde und aus der EU-Kasse gab es weitere finanzielle Unterstützung. Die Gemeinde muss auf jeden Fall auch Geld mit in den Topf geben, sonst gibt es von der EU kein Geld”, erklärte Lühning. Der Dorfladen ist an sieben Tagen in der Woche geöffnet und führt 2000 verschiedene Artikel. Die fünf Mitarbeiterinnen sind teilzeitbeschäftigt oder arbeiten auf 400 Euro-Basis. Cäciliengroden habe zwar weitaus mehr Einwohner als Otersen: „Aber die Einkaufsmöglichkeiten im nur wenige Kilometer entfernten Sande sind nicht zu unterschätzen”, machte der Dorfladen-Experte deutlich. Für ein erfolgreiches Bestehen müsse der Laden deshalb eine besondere Atmosphäre bieten: „Bei der Preisgestaltung kann man mit den großen Märkten und Discountern nicht konkurrieren. Aber es sollte jedem klar sein, dass der Einkauf vor Ort ein Stück Lebensqualität ist”. Frische Ware sei das A und 0. Günter Lühning zeigte am Beispiel Otersen auch die moglichen negativen Seiten auf: so schrieb der Laden zwei Jahre rote Zahlen. Betriebswirtschaftliche Entscheidungen waren zu treffen: Kürzung der Gehälter der Mitarbeiter um zehn Prozent, Austausch der Kühlgeräte, die viel Energie verschlangen, und eine Aufstockung des Eigenkapitals. In Cäciliengroden soll jetzt ein Arbeitskreis gebildet werden. Inwieweit tatsächlich die Bereitschaft besteht, als Geldgeber und später als Kunde einen Dorfladen zu beleben, bleibt abzuwarten. Bei der unverbindlichen Frage Wesselmanns an die rund 100 Zuhörer, wer Interesse habe, eventuell einmal Anteile für einen Dorfladen zu erwerben, hoben sich knapp 30 Hände.
















