“Lebensqualität statt Dividende” – Gegen Verödung ihres Dorfes

Das ist in weiten Teilen das Schicksal des ländlichen Raums: Die Landwirtschaft ist auf dem Rückzug, Neubausiedlungen breiten sich aus, Dörfer wandeln sich in Schlafstädte. Gerade in landschaftlich reizvollen Gegenden und im Umland der Städte wachsen die bebauten Flächen rasant, während die Nahversorgung auf der Strecke bleibt. Für Alteingesessene wie für die Neubürger solcher Dörfer bedeutet das, mit einer Verarmung des sozialen Lebens und mangelhafter Infrastruktur zurechtkommen zu müssen.

Ländlicher Versorgungsnotstand “Tante Emma liegt auf der Intensivstation”, stellt die Fachzeitschrift “Der Handel” fest. In Baden-Württemberg wird es in Gemeinden unter 3.500 Einwohnern bald keinen Lebensmittelladen mehr geben. Während die Jüngeren fehlende Einkaufsmöglichkeiten und dürftige Personennahverkehrsangebote mit erhöhter Mobilität wettmachen können, werden viele Ältere zunehmend von der Hilfsbereitschaft anderer abhängig. Auch auf der Halbinsel Höri im westlichen Bodensee haben die Dörfer längst ihr Gesicht verloren. Die Zersiedelung der Landschaft ist in vollem Gange, während die Nahversorgung immer schlechter wird. Einstmals quicklebendige ländliche Gemeinden verwandeln sich in großflächige Schlafsiedlungen, zulasten der Infrastruktur. Die Bürger von Schienen am Bodensee wollten diesen schleichenden Verlust an Lebensqualität stoppen und gründeten eine Dorfladen-Genossenschaft. Allein schon damit erfasste eine mitreißende Aufbruchstimmung den Ort.

Im uralten 670-Seelen-Dorf Schienen, oben auf dem Bergrücken gelegen, der die Halbinsel Höri bildet, war das Maß voll, als das örtliche Lebensmittelgeschäft aufgab, keine Ladenkette bereit war, sich in Schienen zu engagieren und der Fahrplan des Busanschlusses die Isolation der Gemeinde eher noch unterstrich. Da kam die Idee auf, eine Genossenschaft zu gründen, um einen LebensmitteIladen zu betreiben. Dafur müssen sich mindestens sieben Gründungsmitglieder zusammenfinden, eine Satzung und einen Wirtschaftsplan ausarbeiten und bei einem genossenschaftlichen Prüfungsverband einreichen. Im Oktober 2005 lud man eine Delegation aus Bechtoldsweiler bei Hechingen ins Gemeindehaus, um deren Erfahrungen mit ihrem Genossenschaftsladen kennen zu lernen. Das schwäbische Beispiel gefiel den Südbadenern, flugs wurde eine Arbeitsgruppe gebildet, die in wenigen Tagen 170 vorläufige Beitrittserklärungen einsammeln konnte. Schon Ende November fanden sich 99 Bürger zur Gründungsversammlung der Genossenschaft ein. Sie wählten drei ehrenamtliche Vorstandsmitglieder: Andrea Kasper, die ansonsten im familieneigenen Unternehmen die Buchhaltung erledigt, den Ruheständler Hans-Jürgen Dippel und als Sprecher Stefan Singer.

Lebensqualität statt Dividende

Binnen kürzester Zeit haben 218 Personen aus 176 der 250 örtlichen Haushalte mehr als 300 Anteilsscheine an der “Lädele Schienen Verbrauchergenossenschaft eG” zu je 50 Euro gezeichnet. Eine Verzinsung haben sie nicht zu erwarten, ihre Genossenschaft ist nicht gewinnorientiert. “Wenn die Leute fleißig einkaufen, können wir die Preise reduzieren”, lautet ein wesentlicher Geschäftsgrundsatz des Vorstands. Die Gemeinde stellte das Häuschen der ehemaligen Milchsammelstelle in der Ortsmitte fur den Laden zur Verfügung und bewilligte 40.000 Euro für den Um- und Ausbau. Aus dem Entwicklungsprogramm ländlicher Raum machte das Land Baden-Württemberg 18.900 Euro locker. Eine ganze Reihe von Unternehmen aus der Region wurde zu Sponsoren. Denn alle waren beeindruckt von dem Engagement, mit dem die Bürger ihr Ladenprojekt vorantrieben, indem sie ihre Freizeit opferten. Örtliche Betriebe beteiligten sich mit Sachspenden oder stellten Material zum Einkaufspreis bereit. Ein Schreiner nahm sich zwei Wochen Urlaub, um unentgeltlich am Ladenausbau zu arbeiten. Vorstandssprecher Singer freut sich besonders über den Einsatz junger Leute: “Die kommen ungefragt, um mitzuhelfen. ”

Lebensmittel und Kontakte

Vorstandskollege Dippel verweist darauf, dass Schienen mit dem Laden endlich wieder einen sozialen Mittelpunkt erhält. So soll es nicht beim Verkauf des 700 Produkte umfassenden Sortiments bleiben (ein Drittel des Angebots werden in der Region erzeugte Lebensmittel sein). Der geplante Getränkeausschank wird die Kunden zu einem ausführlicheren Schwätzchen einladen. Und damit das Engagement für den gemeinsamen Laden nicht nachlässt, plant Singer einen “Umsatzanzeiger” gut sichtbar an der Ladenfront anzubringen: “Jeder soll sehen, wie viel zum kostendeckenden Monatsumsatz noch fehlt.” Denn jeder Miteigentümer weiß, dass es mindestens 17.000 Euro einzunehmen gilt. Mit der Gründung ihrer Genossenschaft haben sich die Bürger von Schienen gegen die Verödung ihres Dorfes gewehrt und vielen anderen Mut gemacht. Sie wählten die ideale Organisationsform, um Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung in die Tat umzusetzen. Ab 1. Juli 2006 heißt es in Schienen: “Ich geh ins Lädele zum Einkaufen!”

Und – wenn es sich ergibt – zum Austausch interessanter Geschichten aus dem Dorfleben.

Quelle: Fachzeitschrift BONUS Im Gespräch 7/2006


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