Ohne Laden fehlt was – Dorfladen als Ortsmitte
6. August 2006 von dorfladen-netzwerk | kein Kommentar
In der Internet-Ausgabe des Kölner Stadtanzeigers entdeckten wir eine Presse-Interview vom 24.4.2006 zum Thema Nahversorgung im ländlichen Raum und in Stadtteilen. Rhein-Berg – Ursula Mölders und Bettina Gringel vom Büro „Stadtplanung Dr. Jansen“ haben ein Konzept für regionale Nahversorgung entwickelt. Ingrid Bäumer sprach mit ihnen.
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Vor ein paar Wochen hat in Solingen der erste „beroma“-Laden eröffnet. War das eine leichte Geburt?
URSULA MÖLDERS: Nein, es war ein Kraftakt. Immer wieder rieten uns Leute davon ab, weiterzumachen. So ein Laden würde sich nicht tragen. Für den Träger „Ittertal gGmbH“ wurde es kurz vor der Eröffnung richtig anstrengend. Aber jetzt ist es geschafft.
Haben Sie schon Rückmeldungen, welche Produkte besonders gefragt sind?
BETTINA GRINGEL: Die frischen, hochwertigen „Bergisch Pur“-Produkte wie Käse und Fleisch gehen gut weg. Ich finde das erstaunlich, denn im Stadtteil Hasseldelle wohnen viele einkommensschwache Familien. Auf Wunsch türkischer Kunden wurde das Sortiment bereits um türkisches Brot erweitert.
Wann haben Sie den Auftrag für das Konzept bekommen?
MÖLDERS: Unser Büro hat die Koordination der „Regionale 2006 – Soziale Stadt“ im Jahr 2001 übernommen. Über Nahversorgung diskutieren wir seit 2003. Normal sind bei solchen Projekten bis zu fünf Jahre Vorlaufzeit.
Was war die Grundidee?
GRINGEL: Die Menschen in Stadtteilen ohne eigenes Geschäft sollten wieder eine neue „Ortsmitte“ bekommen, eine Art Dorfladen, wo Grundversorgung mit Service und Kommunikationsmöglichkeiten verbunden wird. Wir haben ein modulares Konzept entwickelt. Damit kann man das Angebot des Ladens mit der verfügbaren Fläche und den Bedürfnisse im Stadtteil abstimmen. Denkbar sind beispielsweise Dienstleistungen wie Kopieren, Paketannahme oder ein Café. In der Hasseldelle ist das Stehcafé im Laden schon sehr beliebt!
Trägt sich so ein Geschäft denn?
MÖLDERS: Eigentlich nicht. Große Vollsortimenter brauchen mindestens 1200 Quadratmeter Platz, sonst lohnt sich ein Standort nicht. Aus gutem Grund gibt es ja mittlerweile nicht einmal mehr die kleinen Spar- und Edeka-Märkte: Sie sind unrentabel geworden.
Dennoch haben Sie dieses Konzept entwickelt – und man darf vermuten, dass Sie es für tragfähig halten.
GRINGEL: Ohne öffentliche Förderung und Anschubfinanzierung wäre ein kleiner Laden wie in Hasseldelle völlig utopisch. Die Beschäftigungsförderung ist ein wichtiger Pfeiler des Konzepts: Hier bekommen ältere Verkäuferinnen eine neue Chance. Langfristig soll der Laden aber ohne öffentliche Förderung auskommen.
Kann man Ihr Konzept auch auf eine ländliche Region wie den Rheinisch-Bergischen Kreis übertragen?
MÖLDERS: Nur unter bestimmten Bedingungen. Die wichtigste ist, dass ein Laden von den Anwohnern akzeptiert wird. Die Leute müssen wirklich das Gefühl haben: Das hier ist unser Laden, hier lebt unser Dorf.
GRINGEL: Wir haben während der Projektentwicklung viele Beispiele recherchiert. In Orten mit einer geringen Einwohnerzahl gibt es Dorfläden in genossenschaftlicher Trägerschaft. Jeder Bewohner kann Mitglied der Genossenschaft werden. Aber ohne überdurchschnittlich hohes Engagement geht es nicht: Ein Rentner kann ein paar Stunden für den Verkaufsdienst opfern. Oder ein Steuerberater prüft die Bücher kostenlos.
Wie findet man heraus, ob ein Laden akzeptiert wird?
MÖLDERS: Das Thema kann auf einer Dorfversammlung mit Bürgern diskutiert werden. Oder die Gemeinde macht eine Befragung. Wichtige Fragen sind: Wo gehen Sie jetzt einkaufen? Wie attraktiv finden Sie das Angebot? Was würden Sie hier vor Ort kaufen?
















