“Das Dorf muss dahinter stehen”

Günter Lühning

Günter Lühning

Zur Schließung des letzten Lebensmittelgeschäftes im 2.000 Einwohner zählenden Dorf Midlum im Landkreis Cuxhaven nördlich von Bremerhaven veröffentlichte die Nordsee-Zeitung in Bremerhaven einen Bericht, einen Kommentar und ein Interview mit Günter Lühning aus Otersen vom Dorfladen “von Bürgern für Bürger” und vom Niedersächsischen Dorfladen-Netzwerk.

„Das Dorf muss dahinter stehen“
NZ-Interview mit Günter Lühning über das Konzept der Dorfläden

Otersen. Letzter Ausweg Dorfladen: Im Dörfchen Otersen, 50 Kilometer südlich von Bremen, betreiben die Bürger selbst einen Laden. Wie und warum das funktioniert, darüber sprach NZ-Redakteurin Inga Hansen mit einem der Initiatoren, Günter Lühning.


NZ: Überall auf dem platten Land schließen die kleinen Läden. Sie hingegen haben im 500-Seelen-Ort Otersen vor sechs Jahren einen Dorfladen eröffnet. Warum?

Günter Lühning: Die Besitzerin gab das Geschäft, das letzte im Ort, aus Altersgründen auf. Für uns hätte das bedeutet, dass wir künftig 15 Kilometer fahren müssen, um einzukaufen. Das wollten wir nicht. Wir wollten uns ein Stück Lebensqualität erhalten.

NZ: Wie sieht Ihr Geschäftsmodell aus?

Lühning: Unser Laden ist ein Laden von Bürgern für Bürger. Wir haben eine Gesellschaft gegründet, in der die Bürger Anteile gekauft haben. Diese Gesellschaft betreibt den Laden, beschäftigt die mittlerweile fünf Angestellten, trägt das Risiko und bietet den Kunden auf rund 150 Quadratmetern 2000 Artikel von Brötchen bis Bananen, von Fleisch bis Frischkäse an.

NZ: Die Bürger haben also jede Menge Bares hineingesteckt?

Lühning: Ja. Die EU hat über das Pro-Land-Programm 25000 Mark zugeschossen, die Gemeinde noch einmal die gleiche Summe, aber das reichte natürlich nicht. Wir haben den Bürgern damals klar gemacht, dass wir mindestens 70000 Mark Eigenkapital brauchen, um das Projekt zu starten. An dieser Stelle kommt es zum Schwur: Viele Leute klagen, wenn der letzte Laden im Ort schließt, aber die Bereitschaft, Geld für den Erhalt auszugeben, ist lange nicht so groß. Uns aber ist es gelungen: 63 Bürger haben Anteile gezeichnet, also bald jeder Siebte im Ort, 103000 Mark kamen zusammen.

NZ: Das reicht für den Start. Wie sieht Ihre Bilanz heute aus? Läuft der Laden?

Lühning: Mittlerweile ja. Seit drei Jahren schreiben wir schwarze Zahlen, wenn der Gewinn auch gerade mal etwa 2000 Euro im Jahr ausmacht. Aber während bundesweit die Umsätze in den kleinen Lebensmittelläden sinken, haben wir hier den Abwärtstrend gestoppt. Mit um die 300000 Euro Umsatz im Jahr fahren wir mehr ein als unsere Vorgängerin.

NZ: Kaufen die Leute wieder mehr im Ort ein?

Lühning: Ja, weil sie wissen, dass sie mit jedem Liter Milch ihren Laden am Leben halten. Wir leben natürlich von den Älteren, die bei uns ihren kompletten Einkauf erledigen. Aber wir haben großen Rückhalt im Dorf, schon weil jeder Siebte das Gefühl hat, er kauft in seinem eigenen Laden ein.

NZ: Das Geheimnis ist also die eigene Regie, oder?

Lühning: Nicht nur. Wir haben auch neue Angebote in den Markt geholt. Bei uns kann man nicht nur seinen Lottoschein abgeben, sondern auch seine Pakete für den Hermes-Paketdienst, man kann bei Quelle oder Otto etwas bestellen oder unseren Partyservice anheuern, den wir zusammen mit einer Landschlachterei anbieten.

NZ: Das hört sich ja sehr gut an. Können Sie anderen Kommunen empfehlen, einen Dorfladen aufzumachen?

Lühning: Das hängt von den Bedingungen vor Ort ab. Ein Dorfladen kann nur überleben, wenn der nächste Supermarkt weit genug entfernt ist. Bei uns sind das 15 Kilometer. Das ist entscheidend. Zum zweiten muss das Dorf wirklich dahinter stehen. Nur wenn die Bürger bereit sind, Geld zu geben und dort einzukaufen, obwohl die Waren teurer sind als im Discounter, hat der Dorfladen eine Chance.


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