Das traurige Ende der Tante-Emma-Läden

Nordsee-Zeitung-Bremerhaven_350Die Nordsee-Zeitung in Bremerhaven berichtete am 28.2.2007:

Das traurige Ende der Tante-Emma-Läden

Markt in Midlum schließt heute – IHK-Studie: Jeder dritte Ort ohne Kaufmann

Kreis Cuxhaven (ih). Manchen Stammkunden stehen beim Abschied die Tränen in den Augen. Jahrzehntelang war der Spar-Markt in der Ortsmitte Einkaufsladen, Nachrichtenbörse und Treffpunkt zugleich. Heute schließt der letzte Lebensmittelladen im 2000-Seelen-Dorf Midlum endgültig seine Türen. In der Gemüseecke harren noch ein paar Grapefruits der Kunden, in den Kühlregalen herrscht bereits gähnende Leere. Überall kleben Din-A4-Blätter, in denen Marktbetreiber Michael Kilian auf das bevorstehende Aus hinweist. „Das Geschäft lohnt sich einfach nicht mehr“, sagt er resigniert. Midlum ist kein Einzelfall. Überall auf dem flachen Land sterben die Tante-Emma-Läden, weil sich kein Nachfolger findet oder die übermächtige Konkurrenz der Supermärkte die kleinen Händler in den Ruin treibt. Laut einer Studie der Industrie- und Handelskammer (IHK) Stade gibt es in jedem dritten Dorf im „nassen Dreieck“ überhaupt keinen Laden mehr, vor 30 Jahren war nur jede achte Kommune ohne Kaufmann. Seit Mitte der 90er Jahre hat sich dieser Trend massiv verschärft: Jeder Zweite, der sein Geschäft aufgab, hat dies in den vergangenen zehn Jahren getan.Nicht nur die Läden verschwinden. Die Post zieht sich mehr und mehr aus der Fläche zurück – die 1998 noch 61 Vertriebsstellen im Cuxland waren bereits Ende 2003 auf die Hälfte geschrumpft, aktuellere Zahlen rückt der Konzern nicht heraus –, Gaststätten machen dicht, Bankfilialen schließen.

„Das ist ein Riesen-Problem. Die Infrastruktur in der Fläche ist dauerhaft bedroht“, sagt Thorsten Bullerdiek, Sprecher des Niedersächsischen Städte- und Gemeindebundes.

Darunter leiden insbesondere die Älteren, die kein Auto fahren. Und die werden immer mehr: Schon 2016 wird ein Viertel der Cuxland-Bewohner über 65 Jahre alt sein. Tendenz steigend.

IHK: Kooperation ist nötig

Die Dörfer überaltern, zugleich dünnt die Infrastruktur immer weiter aus. Für Jürgen Lutz ein Thema, mit dem sich die Politik dringend beschäftigen muss. „Nur leider ist es vielerorts immer noch tabu“, klagt der Geschäftsführer der IHK Stade. Der Kaufmannsladen um die Ecke, früher neben der Kneipe Mittelpunkt des dörflichen Lebens, sei aber nicht mehr zu retten, glaubt er. Sein Vorschlag: „Die Kommunen müssen besser kooperieren, um wenigstens die zentralen Standorte in den Gemeinden zu stärken.“ Rolf Knetemann schlägt in die gleiche Kerbe. Wer wie die Kommunen kräftig um die Supermarkt-Ketten konkurriere, dürfe sich nicht wundern, wenn der kleine Einzelhändler dabei auf der Strecke bleibe, erbost sich der Geschäftsführer des Unternehmerverbandes Einzelhandel Nordwest. „Wir brauchen ein Einzelhandelskonzept – über die kommunalen Grenzen hinweg“, fordert er. Für Midlum dürfte das zu spät kommen. Ein letztes Mal treffen sich heute Abend die acht Verkäuferinnen vor dem Spar-Markt. Gemeinsam wollen sie den Laden abschließen – zum allerletzten Mal.


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