Thüringen: Dorfladen Böhlen eröffnet

03042008x0179In Thüringen eröffnete am Sonnabend, 5. Juli 2008 der 2. Dorf- und Nachbarschaftsladen. Betreiber dieses neuen Dorfladens ist der neugegründete Verein “Bürger für Böhlen e.V.” im 650 Einwohner zählenden Dorf Böhlen. Nachfolgend veröffentlichen wir zwei Berichte aus dem Frühjahr 2008 und schalten einen Link zur Vereinssatzung des Vereins “Bürger für Böhlen e.V.”

Bericht aus dem 1. Quartal 2008

Böhlen – Wenn das Unternehmen „Nachbarschaftsladen“ funktioniert, hat die 650 Seelen-Gemeinde Böhlen manch anderem Ort den Weg bereitet. Klappt es nicht, ist man um eine wichtige Erfahrungen reicher.

Als vor wenigen Wochen bekannt wurde, dass Nahkauf Herold im Dorf zum 30. April seine Türen schließt, war guter Rat teuer. Bürgermeister Reinhard Krannich, der Gemeinderat und auch VG-Chef Andreas Beyersdorf – in Böhlen zu Hause – wollten sich nicht damit abfinden, dass ein weiteres Stück Infrastruktur verloren geht, nach Wegfall von Schule, Post und Arztpraxis Böhlen ein weiteres Eckchen „stirbt“. Denn mit dem Geschäft würde auch ein Treff- und Kommunikationspunkt ausgelöscht. Bei ihren Recherchen stießen Krannich und Beyersdorf anderorts auf Dorf- beziehungsweise Nachbarschaftsläden. Viele sind es in Deutschland nicht, aber in einigen, vor allen den alten Bundesländern, existieren Geschäfte mit „Grundversorgungsauftrag“, die über einen Verein oder ein anderes gemeinschaftliches Organisationsmodell ohne Gewinn-Erzielung getragen werden.

Nicht ohne Zweifel

Voraussetzung für diesen Weg ist, dass die Idee im Ort auf fruchtbaren Boden fällt, erklärte Reinhard Krannich. Und bis zur eilig einberufenen Einwohnersammlung hatten selbst er und mancher Gemeinderat nicht wenige Zweifel, ob die Böhlener nicht nur im Ort weiter einkaufen, sondern auch hinsichtlich des Betreibens des Dorfladens aktiv werden wollen. Mit glänzenden Augen und Betroffenheit nahmen dann vor allem viele Ältere unter den 150 Böhlenern sowie Zuhörer aus Gillersdorf und Wildenspring bei der Einwohnerversammlung die Nachricht zur Kenntnis: Zum 30. April möchte Jürgen Herold, Betreiber des Nahkauf-Marktes, nach mehr als 16 Jahren mit 67 in den verdienten Ruhestand gehen. Er hat seine Bereitschaft kund getan, die Geschäftsräume weiter zur Verfügung zu stellen und in einer Übergangszeit beratend zur Seite zu stehen. Die Einwohnerversammlung bestärkte Bürgermeister und Gemeinderat, ihre Bemühungen voranzutreiben. Die Böhlener möchten ihren Dorfmittelpunkt nicht missen, was sich bei der anschließenden Tür-zu-Tür-Befragung bestätigte:

  • 182 Haushalte (65 Prozent) der insgesamt 280 angesprochenen Haushalte votierten für eine Weiterführung des Nahkaufs als Dorfladen.
  • 53 erklärten sich bereit, sich persönlich dafür einzubringen.

Ein fertiges Konzept hatte und hat Krannich nicht im Ärmel, betritt man in Thüringen mit diesem Thema nahezu Neuland. Inzwischen ist man aber ein Stück weiter gegangen. Über Kontakte zum Bildungswerk Großbreitenbach und zu Agenda-Verantwortlichen versucht man sich im Rahmen eines Unternehmenskonzeptes voran zu tasten, wie man das Risiko einschließlich der Anschubfinanzierung von rund 45 000 Euro für den Laden auf möglichst breite (Förder-)Schultern verteilen kann. Am 15. April soll der Nachbarschaftsladen Thema im Gemeinderat sein und bei einer weiteren Einwohnerversammlung der Träger „formiert“ werden. Übergangslos wird der „dorfeigene“ Laden vielleicht noch nicht geöffnet haben, aber Anfang Mai hält man durchaus für realistisch.

Bericht aus Mai 2008:

Auf los gehts los – dies könnte für den Erhalt des Heroldschen Nahkaufs als als zweites Thüringer Modell eines künftig vereinsgetragenen Dorfladens vom kommenden Mittwoch an gelten. Könnte… Doch nach dem der kommende Montag und Dienstag zunächst mal umfassender Inventur nach privater Schließung des traditionsreichen Familienladens von Jürgen Herold gehört, muss zunächst eine übergangsweise andere Betreiberart einspringen. Problem: Lohnkostenförderung.

Zwar sind nach der kürzlichen Gründung des bereits 55-köpfigen Vereins ”Bürger für Böhlen”  unter Vorsitz von Bürgermeister Kranich sowie seiner Vorstands-Stellvertreterin Monika Kranich und Schatzmeister Diethard Schneider die Weichen gestellt, um über mehrere Förderprogramme das Fortbestehen als Projekt Unser Dorfladen Böhlen zu sichern. Doch wir wären bei unserm Anliegen, dieses wichtige Stück ländlicher Infrastruktur zu erhalten, schlecht beraten, nicht auch stets mit Hindernissen zu rechnen. Und die zeigen sich nun in der Lohnförderung für die geplanten zwei Verkäuferinnen. Es wird nicht so zeitnah wie zunächst gehofft zur Zweitarbeitsmarkt-Förderung über die Arbeitsgemeinschaft SGB II kommen, so bestätigt gestern auf Anfrage Bürgermeister Reinhard Kranich (CDU). Man habe auch gemeinsam mit weiteren aktiven Vereinsmitgliedern sowie den Helfern im Vorstand, Bernd Staude, Jürgen Herold, Andreas Beyersdorf, Manfred Koch und Karsten Schellenberg in langen Beratungen nach raschen Lösungen des Verkaufspersonal-Problems gesucht. Doch nun sieht das Provisorium zunächst mal so aus, dass wir auf unseren Verbündeten, Manfred Kochs Großbreitenbacher Bildungswerk mit seinem Sozialbetrieb, bauen können. Das funktioniert ab kommende Woche sicher erstmal mit einigen Umstellungsproblemen, für die die Böhlener Kunden gewiss viel Verständnis aufbringen. Aber es schließt zugleich auch die Gefährdung der beantragten Förderungen aus, die einen vorzeitigen Maßnahmebeginn nicht zulassen.

Neuland: Es kann gehen
Kranich: Wir betreten alle zusammen Neuland mit diesem Basisdemokratie-Vorhaben, das schrittweise laufen lernen muss. Aber der Verein, sein Vorstand und viele Böhlener sind überzeugt: Es kann gehen… es muss! Kaum einer im Ort will, dass auch noch der Dorfladen schließt, in dem man nicht nur einkauft, sondern tagsüber einen Ort der Begegnung, des Gespräches hat. Auf Fragen aus der zweiten großen Bürgerversammlung in Sachen Dorfladen, ob denn auch Böhlener BürgerInnen das künftige Verkaufspersonal stellen würden, kann der Bürgermeister derzeit nur schwerlich antworten: Da gibt es derart viele soziale Förderkriterien seitens Alter, Langzeitarbeitslosigkeit, berufliche Eignung usw., dass die Frage des Wohnortes nicht an erster und zweiter Stelle stehen kann. Das ist leider so und von uns kaum beeinflussbar! Aber wir bemühen uns freilich, dass letztlich Leute an der Kasse, zwischen Regalen oder an der Fleisch-Wurst-Theke stehen, die sich mit uns Foßbschen auskennen. Vorerst werden es nun ab kommendem Mittwoch drei Teilzeitkräfte des Bildungswerk-Sozialbetriebes sein. Derzeit werden in Böhlens Haushalten Info-Flyer verteilt, die zum Stand der Dinge Auskunft geben. Und natürlich auch an den Lokalpatriotismus potenzieller Kunden sowie die Bereitschaft zum Mittun im künftigen Ladenträger-Verein ”Bürger für Böhlen”  mit zu machen appellieren. 

Profit quasi Volkseigentum
Mit dessen Einmal-Mitgliedsbeträgen von jeweils 50 Euro trägt der nicht nur zu den rund 10 000 Euro Eigenanteil für die benötigten und geförderten 33 500 Euro Anschubfinanzierung bei. Der Verein ist letztlich auch der soziale Umverteiler des Profits, der zunächst mit spitzem Bleistift errechnet bei knapp 1 700 Euro liegen könnte. Und letztlich dem dörflichen Gemeinschaftsleben, namentlich bei der Seniorenarbeit zugute kommen soll.

Sonst Milchmädchenrechnung Doch daran hegt auch im Vereinsvorstand niemand Zweifel: Nur wenn die Böhlener in ihrem Laden, der vielleicht auch mal um einheimische bis regionale Angebote bereichert werden könnte, ausreichend ihren Bedarf decken und zahlungsfähige Nachfrage einbringen, klappts. Sonst wird das Konzept, das von einem (aus Heroldschen Erfahrungswerten) fixierten Monatsumsatz von knapp 22 000 Euro ausgeht, zur Milchmädchenrechnung. Indes: Angesichts heutiger Spritpreise lohnt sich das Gegenrechnen der Kosten für autogestützte Außerorts-Einkäufe bereits jetzt. Man darf also gespannt sein, ob beim ersten großen Dorffest vom 4. bis 13. Juli die feierliche Übergabe des Dorfladens in Vereinsobhut ein Novum für Thüringen werden kann. Die Böhlener halten es selbst in Händen, ob diese Geschichte vom Lande ein dauerhaftes Happy End hat.


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