ARD-Plusminus: Warum Kunden “groß und billig” satt haben

Comeback für Tante Emma

Warum Kunden “groß und billig” satt haben

Sendeanstalt und Sendedatum: NDR, Dienstag, 29. Juli 2008 im Ersten

Regal (Foto dpa)
Das Einkaufsverhalten in Deutschland ändert sich. Der hohe Benzinpreis macht lange Fahrten zum billigen Großmarkt auf der grünen Wiese unattraktiv. Und die zunehmend ältere Bevölkerung ist weniger mobil. Ein Trend zurzeit: neue Tante-Emma-Läden. Auf dem Land aber auch in der Stadt eröffnen immer mehr kleine, im Gegensatz zu früher jedoch moderne Läden.

“Um’s Eck” in Süddeutschland

Ein Beispiel aus dem bayerischen Lauterbach zeigt, wie es gehen kann. Zum Erhalt des Dorfladens wurde eine Genossenschaft gegründet: Jeder Bürger konnte für 150 Euro einen Anteil am Dorfladen kaufen und dadurch die Grundfinanzierung sichern. 170 Bürger haben zugegriffen, weitere werden folgen. Zwar bezuschusste das Land Bayern den Umbau der Gemeindelagerhalle zum Dorfladen, das Geld reichte aber nicht. Mit Hilfe eines baden-württembergischen Großhändlers, der Dorfläden unterstützt und mit Waren beliefert, konnte das Projekt realisiert werden. In dem Laden wird, wie in den meisten neuen Tante-Emma-Läden, Wert darauf gelegt, regionale Produkte anzubieten. Das geht über Wurst, Obst, Gemüse, Honig bis hin zu selbstgemachtem Speiseeis vom Bauern, der nur ein paar Kilometer entfernt produziert. In Lauterbach heißt der kleine Tante-Emma-Supermarkt “Um’s Eck”. Davon gibt es einige weitere in Bayern und Baden-Württemberg, die vom gleichen Lieferanten bestückt werden.

“Markttreff” für Schleswig-Holstein

In Schleswig Holstein ist das Land finanziell, sowie konzeptionell beim Aufbau von sogenannten Markttreffs beteiligt. Thomas Grunewald von der Unternehmensberatung “BBE retail experts” hatte schon Mitte der 90er-Jahre die Idee für den “Markttreff”. 50 Geschäfte sollen es werden, knapp 30 sind es schon. Hier ist nicht ein großer Lieferant verantwortlich für das Sortiment, sondern ein regionaler, der die Belieferung der kleinen Läden leisten kann. In Beidenfleth ist es zum Beispiel ein regionaler Edeka-Filialist. In diesem “Markttreff” können die Kunden sogar warme Mahlzeiten bestellen oder sich den Einkauf per Lastenrad nach Hause bringen lassen.

Trendforscher wie Dr. Eike Wenzel vom Zukunftsinstitut haben eine Renaissance des Tante-Emma-Prinzips ausgemacht: Immer mehr Menschen wollen nicht mehr kilometerweit auf die grüne Wiese in großen anonymen Supermärkten einkaufen. Sie wollen Vertrautheit und möglichst regionale, nachhaltige, vielfältige Artikel in netter Atmosphäre kaufen. Auch Thomas Grunewald bemerkt, das immer größere Investoren und auch andere Bundesländer wissen möchten, wie ein Tante-Emma-Laden Umsatz machen kann. Noch vor ein paar Jahren hat das niemanden interessiert.

Tante-Emma-Läden in der Stadt

Auch der Handel reagiert auf den Trend. Rewe hat in Köln schon den Rewe Citymarkt eröffnet: Statt 1.200 bis 1.500 Quadratmeter sind die Läden nur noch 700 Quadratmeter groß. Aber damit immer noch doppelt so groß wie herkömmliche Dorfläden. Wie auf dem Dorf gibt es hier viel Frisches und Bioprodukte. Dafür wurde das Angebot abgespeckt – statt zum Beispiel drei Regale voll mit Frühstücksflocken und Müslis gibt es nur noch eines. 400 Märkte sind geplant.
Auch Spar hat ein Konzept für kleine Läden. Unter dem Namen Spar Express haben die Berliner Läden bis Mitternacht und noch später geöffnet. Weitere Ketten wollen mit ähnlichen Konzepten ebenfalls beim Kunden punkten.

Groß gleich billig?

Allein die Discounter sind bisher durch ihre Marktmacht und Preispolitik unabhängig vom Trend und setzen auf Größe.
Der Lauterbacher Dorfladen hat allerdings erkannt: Will man Paroli bieten, muss man genauso günstig sein. Der Plusminus-Preisvergleich mit dem 10 Kilometer entfernten Netto-Discounter belegt dies (siehe PDF in der rechten Spalte).

Neue Angebots-Modelle

Der “Markttreff” in Beidenfleth könnte großen Ketten und Discountern einen Trend vormachen: Wer hier einkauft, kann gleich nebenan im Gesundheitstreff zum Physiotherapeuten oder zum Facharzt in die Sprechstunde. Berater Thomas Grunewald will die Menschen vor Ort abholen. Zu den drei Säulen Einkauf, Dienstleistung und Kommunikation komme die vierte: Gesundheit. Das sei die Zukunft.

Autor: Julian Prahl

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 29.07.2008. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.


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