“Eigentümer müsste es interessieren den Kaufmann zu halten”

Über das Sterben der Dorfläden im harten Wettbewerb, den Verdrängungswettbewerb im Lebensmitteleinzelhandel, Chancen genossenschaftlicher Dorfläden und fallende Immobilien-Preise im Dorf ohne Nahversorgung führte die Nordsee-Zeitung Bremerhaven ein interessantes Interview mit Rolf Knetemann, dem Geschäftsführer des Einzelhandelsverbandes. Das Interview wurde am 16.9.2009 veröffentlicht.

Dorfläden sterben im harten Wettbewerb

Kreis Cuxhaven. In Bokel, Wulsbüttel, Holßel haben die Dorfläden geschlossen. Der Laden in Sandstedt schließt Ende des Monats. In Mittelpunktsorten wie Hagen und Loxstedt stehen Verkaufsflächen leer. NZ-Redakteurin Barbara Fixy sprach mit Rolf Knetemann, Geschäftsführer des Einzelhandelsverbandes, über Gründe, Folgen, Chancen.

Von Barbara Fixy

NZ: Dem Einzelhandel schwimmen die Felle davon. Was ist da los?

Knetemann: Wir haben einen Strukturwandel, der seit zehn Jahren dynamisch fortschreitet. Auslöser sind stagnierende Umsätze bei wachsenden Verkaufsflächen. 1996 hatten wir in der Bundesrepublik noch 95 Millionen Quadratmeter Verkaufsfläche, die bis heute auf 120 Millionen angewachsen ist. Heute müssen die Lebensmittelgeschäfte 1400 bis 1500 Quadratmeter groß sein. Darunter geht nichts mehr. Dahinter steckt ein massiver Verdrängungswettbewerb, der die Schwächsten aus dem Markt katapultiert.

NZ: Die Gemeinden haben sich gegenseitig überboten, kommerzielle Zentren auszuweisen, damit auch sie Filialen der großen Ladenketten bekommen. Nach dem Motto: Bloß keine Kunden an die Nachbarn verlieren.

Knetemann: Das ist das Problem. Die Maßstäbe sind verrutscht. Früher waren Grundzentren, Mittelzentren, Oberzentren in der Versorgungsfunktion klar abgegrenzt. Jetzt entwickeln sich Grundzentren wie Hagen, Beverstedt oder Loxstedt in Richtung Mittelzentrum. Das mag aus Gemeinde-Sicht richtig scheinen. Für die Gesamt-Verkaufsfläche ist es schädlich. Wir brauchen für den Kreis ein Einzelhandelskonzept. Darin muss definiert werden, wo welcher Einzelhandel zugelassen wird. Wir müssen weg vom Kirchturmdenken hin zur Gesamtsicht.

NZ: Aber momentan sieht alles so aus, als hätten wir die Monokultur im Handel schon.

Knetemann: Nur noch 20 Prozent des Einzelhandels sind Inhaber geführt. In den Innenstädten dominieren die Kiks, Takkos und Schleckers. In die ländlichen Zentren sind Aldi und Lidl eingezogen. Eine Monotonie, die die Städte und auch die ländlichen Zentren langweilig macht.

NZ: Und der Generationenwechsel. Viele Einzelhändler gehen in den Ruhestand und finden keine Nachfolger.

Knetemann: Viele haben sich nach dem Krieg im eigenen Haus selbstständig gemacht und mit Ach und Krach über die Runden gequält. Wenn die Nachfolger jetzt Miete bezahlen müssen, können sie die Kosten nicht mehr decken. Deutschland ist das EU-Land mit dem schärfsten Wettbewerb. Pro Kopf stehen 1,45 Quadratmeter Verkaufsfläche zur Verfügung. In den anderen Ländern der EU ist es durchschnittlich nur 1 Quadratmeter.

NZ: Wenn der Dorfladen verschwindet, ist das besonders schlimm für die alten Leute im Dorf, die ja bekanntlich immer mehr werden. Kann man das Steuer noch herumreißen?

Knetemann: Es gibt genossenschaftliche Versuche, den Laden wieder zurück ins Dorf zu holen. Dabei geht es darum, Personalkosten zu senken. In Bayern gibt es eine Vereinigung, die mit Menschen mit Behinderungen zusammenarbeitet. Das Konzept trägt sich durch staatliche Zuschüsse. Auch mit ehrenamtlichen Mitarbeiten könnte man einem Dorfladen wieder Leben einhauchen. Wichtig ist, die Kosten zu senken, um gegen die Konkurrenz zu bestehen.

NZ: Man sagt auch, dass die Grundstückspreise sofort absacken, wenn der Dorfladen schließt?

Knetemann: Ja. Denn ein Stück Lebensqualität geht dahin, wenn es keine Nahversorgung mehr gibt. Insofern müsste es die Eigentümer eines Ortes interessieren, den Kaufmann zu halten. In manchen Dörfern haben sich deshalb schon Vereine und Foren gegründet. Wenn man in einem Ort das Bewusstsein erzeugen kann, dass Einkaufen nicht nur günstig sein, sondern auch Spaß machen sollte, wäre das sicherlich ein guter Weg. Denn dann geht man lieber ins Fachgeschäft, das vom Inhaber geführt wird.


Einen Kommentar schreiben

du mußt angemeldet sein, um kommentieren zu können.