Bürgerladen als Mini-GmbH: “UG”
11. Oktober 2009 von dorfladen-netzwerk | kein Kommentar
Im 520 Einwohner zählenden Hofstädten soll nach 25 Jahren ohne Nahversorgung ein Dorfladen eröffnet werden. Eine Bürger- gesellschaft in der Rechtsform einer haftungsbeschränkten Unternehmer- gesellschaft (”UG”) plant die Neueröffnung 2010. Wir veröffentlichen hier zwei Berichte aus dem Main-Echo.
Schöllkrippen “Unser Ziel ist, unseren Hofstädtener Dorfladen zum Jahresende 2010 zu öffnen”, erklärte Sigrid Dedio von der Initiativgruppe Dorfladen am Dienstag in der Sitzung des Marktgemeinderats, zu der 15 Zuhörer gekommen waren. Michaela Mannel, Tanja Staab – beide ebenfalls aus der Initiativgruppe – und Dedio informierten über das Betreiberkonzept, Investitionen und Wirtschaftsplanungen.
Eine Umfrage, an der sich 87 der insgesamt 180 Haushalte des Ortsteils beteiligt hatten, ergab, dass 86 Prozent der Befragten der Meinung seien, die Versorgungssituation in Hofstädten solle verbessert werden, hieß es zuvor. Die Wirtschaftlichkeitsberechnung des Beraters Wolfgang Gröll zeige, “der Laden muss brummen”, wenn sich das Geschäft lohnen soll, so Dedio.
Die drei Frauen von der Initiativgruppe zeigten sich überzeugt, dass der Laden unter dem Motto “Lebensmittel und mehr” – das heißt, Versorgung der Bürger mit Lebensmitteln und Waren des täglichen Gebrauchs und sozialer Treffpunkt – gute Aussichten habe. Recht scheint dem Arbeitskreis bereits jetzt schon das große Interesse und der Rückhalt der Bevölkerung zu geben.
Für die Mini-GmbH “Dorfladen Hofstädten UG & Still” – einem Bürgerladen in Form einer haftungsbeschränkten Unternehmergesellschaft mit Geschäftsführer und einem Mitgliederrat, der von stillen Gesellschaftern gewählt wird – haben schon zahlreiche Personen schriftlich ihre Bereitschaft erklärt, Geschäftsanteile zu zeichnen. Bei derzeit 99 Zeichnern, darunter auch Familien, mit 162 Anteilen seien 24 300 Euro zusammen gekommen, lautet das vorläufig stolze Ergebnis. Die Initiatoren sind zuversichtlich, dass sie die übrigen Anteile zu je 150 Euro auch noch “zusammen kriegen”. Unterm Strich werden gut 30 000 Euro benötigt, um die Investitionen abdecken zu können. Die Kosten für Ladeneinrichtung und Warenerstausstattung bezifferte Dedio auf je 15 000 Euro; an sonstigen Gründungskosten kämen weitere 2000 Euro hinzu. Bei monatlichen Fixkosten (darunter auch Personalkosten) von 3070 Euro und einer angenommenen Handelsspanne (Marge) von 22 Prozent errechnet sich der erforderliche Monatsumsatz auf 13 955 Euro. Der erwartete Jahresumsatz liege bei gut 167 000 Euro, der erwartete Wareneinsatz bei rund 131 000 Euro. Kostendeckung und Gewinnerzielung sei oberstes Prinzip. Die Hofstädtener seien aber auch über die Risiken des Unternehmens aufgeklärt worden, sagte Dedio. “Im schlimmsten Fall ist die Einlage weg”.
Bevor es an die konkrete Umsetzung geht, muss das vorgesehene Gebäude in der Spessartstraße 21 (wir berichteten) gründlich auf Vordermann gebracht werden, erläuterte Architekt Martin Reuter. Die Lage des ehemaligen Bürgermeisterhauses sei “perfekt für die Nutzung”, unterstrich Reuter.
Vertraglich besiegelt von der Teilnehmergemeinschaft in der Dorferneuerung werde das Haus mit Mitteln des Amtes für ländliche Entwicklung und der Gemeinde umgebaut. Die Baukosten würden zu 50 Prozent gefördert, ergänzte Rathauschef Reiner Pistner.
Die umfassenden Sanierungs- und Umbaumaßnahmen samt Außendämmung, Dach, Heizung, Fenster, Außentreppe, Plattformaufzug und Nebenkosten belaufen sich auf knapp 400 000 Euro. Davon entfallen 278 000 Euro auf das Erdgeschoss; die Summe für das Dachgeschoss, das später vielleicht als Wohnung vermietet werden könne, sei zunächst nur planerisch bedacht. Angesichts der Kosten habe er “erst mal geschnauft”, meinte Pistner. Den Erfolg des Vorhabens ziehe er jedoch nicht in Zweifel. Wo Kosten gesenkt werden könnten, sei zu prüfen.
Nach anfänglichen Bedenken zeigte sich Dr. Marco Schmitt (CSU) von dem Dorfladenprojekt “durchaus angetan”. Zu Bedenken gab Michael Pfarr (CSU) die derzeit noch ungelöste Parkplatzsituation. Zu einer Anmerkung, der Dorfladen könne womöglich mit Discounter-Billigpreisen nicht mithalten, sagte Siegbert Glaser (FW), die Waren des Dorfladens seien im Durchschnitt nicht teurer.
“Der Dorfladen wird funktionieren, wenn sich die Hofstädtener damit identifizieren. Alles steht und fällt mit der Leidenschaft, mit der sich die Beteiligten einbringen“, schloss Pistner.
In diesem Sinne gab der Marktgemeinderat dem Arbeitskreis Dorfladen grünes Licht, sein Projekt weiter voranzutreiben.
Hintergrund: Wie das Hofladen-Umsatzziel zu erreichen wäre
Wie der anvisierte Umsatz von 13 955 Euro pro Monat im Hofstädtener Dorfladen gelingen könnte:
- Hofstädten hat etwa 180 Haushalte und 521 Einwohner (Stand Januar 2008).
- Wenn 60 Prozent der Haushalte im Dorfladen einkaufen, sind dies 108 Haushalte / 312 Personen.
Folgende Einkäufe wären dann zu tätigen, um das Umsatzziel von 13 955 Euro zu erreichen:
- 129 Euro pro Haushalt im Monat beziehungsweise
- 32 Euro pro Haushalt in der Woche;
oder:
- 45 Euro pro Person in Monat beziehungsweise elf Euro pro Person in der Woche. dp
Auf die Frage …
… eines Gemeinderats, was denn passiere, wenn die für den geplanten Hofstädtener Dorfladen eingekaufte Frischware nicht genügend Abnehmer finde, hat Initiatorin Sigrid Dedio eine überzeugende Antwort parat: “Wenn im Dorfladen die Brötchen hart werden und die Milch am Ablaufen ist, dann gibt es halt in ganz Hofstädten Semmelknödel.”
Quelle: www.main-netz.de – Main-Echo-Onlinedienst – Doris Pfaff (8.10.2009)
Eine Chance für den Dorfladen
Fachvortrag: Wenn sich die Hofstädtener beteiligen, ist eine solide Grundlage für das Projekt möglich
Schöllkrippen-Hofstädten. Ein kleiner Laden könne nicht groß sein und ein großer nicht klein – mit dieser etwas naiv erscheinenden Aussage erklärte Wolfgang Gröll in der Info-Veranstaltung “Dorfladen” in Hofstädten, dass der eine den anderen nicht zu ersetzen vermag, dass durchaus aber beide nebeneinander existieren können. Richtig geführt und mit den Produkten der Region im Sortiment werde der Dorfladen bestehen. Wolfgang Gröll, der im Dorfgemeinschaftshaus referierte, ist Fachberater für Dorfläden in Bayern.
Wer heute in Hofstädten einkaufen will, der muss zumindest nach Schöllkrippen fahren. Dort sind Discounter und Vollsortimenter angesiedelt. Der letzte Laden in Hofstädten hat vor 25 Jahren geschlossen. Im Zuge der Dorferneuerung soll sich das jetzt ändern, erklärten Tanja Staab und Michaela Mannel in der Versammlung. Schon bei der Bildung der Arbeitskreise hätten sie sich mit diesem Thema befasst. Mittlerweile haben die beiden Dorfläden besucht und den Fachberater Wolfgang Gröll kennen gelernt.
Die Frage, wo in Hofstädten ein solcher Laden entstehen könnte, ist bereits geklärt. Nachdem das Hornick-Haus an der Gabelung von Kreis- und Staatsstraße zum Kauf angeboten worden war, konnte es erworben werden. Es ist genau jenes Haus, das früher den letzten Laden beherbergt hatte. Und nach dem Willen der Initiatorinnen soll es nicht nur Ladenfunktion erfüllen. Eisdiele, Jugendtreff, Schafkopfabende und Kaffeetage mit selbst gebackenem Kuchen könnten dort angeboten werden. Dass Schöllkrippen bereit steht, das Gebäude wieder zum Laden umzubauen, machte Bürgermeister Reiner Pistner deutlich. Wichtig sei nur, dass alle das wollen und dass sich genug Bürger beteiligen und auch mit Eigenleistung nicht sparen. Wie kann’s funktionieren? Für viele war es die wichtigste Frage: Kann ein solcher Laden überhaupt bestehen?
“Tante Emma is back” titulierte Wolfgang Gröll seinen Vortrag, es gebe zur Zeit eine Renaissance der Nahversorger, erklärte er. Der Unternehmensberater, der selbst den Beruf des Einzelhandelskaufmannes von der Pike auf gelernt hat, hielt es für wichtig, dass ein solcher Laden von der Gemeinschaft der Bürger getragen werde. Dieses Modell habe sich am besten durchgesetzt. Möglichst viele Unterstützer sollen Anteile erwerben – das schaffe nicht nur die finanzielle Basis, sondern auch den direkten Bezug zum Laden.
Um darzustellen, dass auch kleine Läden bei den Preisen mit den großen mithalten können, erklärte er, wie der Einzelhandel denn so tickt. Durch den Einkauf über verschiedene Gruppen kauften letztendlich alle beim selben Großhändler. “Klein ist gleich teuer” sei also ein Vorurteil in den Köpfen der Menschen, das es auszuräumen gelte. An Beispielen des Preisvergleichs existierender Dorfläden mit den Discountern machte er das deutlich.
Wenn ein solcher Dorfladen doch scheitere, sei mit Schulden von 60 000 bis 70 000 Euro zu rechnen. Es sei also wichtig, ein solches Risiko auf viele Schultern zu verteilen, meinte er. Der Einzelne riskiere nur, seinen Anteil zu verlieren und könne für Weiteres nicht haftbar gemacht werden. Das sei zwar auch Geld, aber nicht gleich die Vernichtung einer Existenz.
100 bis 400 Quadratmeter Fläche brauche der Laden und müsse zwischen 2000 und 3500 Artikeln anbieten. “Dann kriegen Sie alles, was sie brauchen und was Sie nicht kriegen, brauchen sie nicht!” Bei der Einwohnerzahl Hofstädtens rechnete Gröll mit einem Jahresumsatz von bis zu 800 000 Euro. Die Arbeitskräfte müssten natürlich nach ihren Stunden bezahlt werden.
Der nächste Schritt ist die Gründung einer Initiativgruppe und die Gewinnung von Mitgliedern, die bereit sind, Anteile zu zeichnen. Wenn ein Projektleiter, der auch Marktleiter sein könne, gefunden sei, könne ein Konzept erstellt und eine Betreibergesellschaft gegründet werden. Eine “Riesenchance” sei das, meinte Bürgermeister Reiner Pistner. Als Berater wurde Wolfgang Gröll auch von Otto Kister vom Amt für ländliche Entwicklung akzeptiert, der ankündigte, mit Gröll einen Vertrag zu schließen. Jetzt gilt es, die Bürger zu mobilisieren, deren Eigenleistung auch noch beim Dorfgemeinschaftshaus und bei der geplanten Kapelle gefragt ist. In Hofstädten ist der Gemeinschaftssinn gefragt.
Quelle: www.main-netz.de – Main-Echo-Onlinedienst – Jürgen Brehm (24.04.2009)
Weitere Informationen: www.hofstaedten.de/















