Mit Beratung zur modernen “Turbo Emma”
27. Oktober 2009 von dorfladen-netzwerk | kein Kommentar
Über die aktuelle Situation im Lebensmittel-Einzelhandel, Empfehlungen für kleine Dorfläden, Preise und Wettbewerbsfähigkeit sowie “gleichwertige Lebensverhältnisse” im ländlichen Raum sprachen wir mit Dr. Thomas Dörfelt, Geschäftsführer der LHG in Eibelstadt bei Würzburg.
Kurz zur Person und zum Unternehmen: Dr. Thomas Dörfelt ist Lebensmittel-Großhändler in der vierten Generation. Eine der Gründungsfirmen der heutigen LHG ist bereits mehr als 200 Jahre tätig. “Diese reiche Erfahrung eines Familienbetriebes ist ohne starke regionale Verwurzelung nicht denkbar und fördert Nachhaltigkeit sowie soziales und ökologisches Bewußtsein im Unternehmen”, betonte Dr. Dörfelt zu Beginn unseres Interviews.
Frage: Die LHG hat als Lebensmittel-Großhändler eine lange Tradition und viel Erfahrung. Können Sie Ihr Unternehmen bitte mit den wichtigsten Leistungen für kleine Lebensmittel-Einzelhandelsgeschäfte und Dorfläden kurz vorstellen?
Dr. Thomas Dörfelt: Die LHG beliefert die gesamte Region zwischen dem nördlichen Bayerischen Wald und Rhein sowie zwischen Ingolstadt und der alten Bischofsstadt Fulda. Wir haben es uns auf die Fahne geschrieben, zu helfen, die ländliche Nahversorgung zu erhalten bzw. wieder neu zu schaffen. Ganz im Sinne des Artikels 72, Absatz 2 unseres Grundgesetzes, der festlegt, daß „gleichwertige Lebensverhältnisse im Bundesgebiet“ zu gewährleisten seien.
Wir wollen keine unterversorgten ländlichen „Entleerungsgebiete“, wie das manche Bürokraten schnöde formulieren, sondern lebendige Gemeinden, in deren Mauern jung und alt fußläufig und damit umweltschonend einkaufen und zahlreiche Serviceleistungen in Anspruch nehmen kann!
Um diese Ziele zu erreichen, beliefern wir kleine und mittelgroße Lebensmittel-Flächen nicht nur mit Ware, sondern stellen auch unsere Vertriebskonzepte zur Verfügung und stehen mit unserem Außendienst unseren Kunden vielfältig „mit Rat und Tat“ zur Seite.
Frage: Der Lebensmittel-Einzelhandel befindet sich seit Jahren im Umbruch. Was hat sich in den letzten 10 Jahren geändert? Was wird sich in der Nahversorgung bis 2020 noch ändern?
Dr. Thomas Dörfelt: Eine Entwicklung, die die Ballungszentren in Deutschland bereits lange hinter sich haben, wiederholt sich in ländlichen Gebieten, auch im Süden: Discounter und Großflächen „auf der grünen Wiese“ verdrängen mittels immer härter werdendem Preiskampf selbständige Lebensmittel-Einzelhändler mit kleineren Flächen. Nur der, der sich seine Kunden genau ansieht und das bietet, das die großen nicht können oder aus betriebswirtschaftlichen Gründen nicht wollen, nur dieser servicebereite und auf Frische konzentrierte und persönlich überzeugende, freundliche Händler wird mittelfristig überleben.
Frage: Ganz in der Nähe Ihres Firmensitzes, in Würzburg, fand dieser Tage eine Bundestagung unter dem Titel „Dörfer ohne Menschen?!“ statt. Was können Sie als Großhändler und Partner kleiner Dorfläden in Zukunft tun, um die letzte Einkaufsmöglichkeit im Dorf zu erhalten und die Entwicklung zum Schlafdorf zu verhindern?
Dr. Thomas Doerfelt: Zwei Stoßrichtungen: einerseits unsere Kunden immer wieder im Sinne einer modernen „Turbo-Emma“ beraten, ihnen durch Schulungen helfen, bei Bankgesprächen und ähnlichem zur Seite stehen uvm.; andererseits die Zusammenarbeit mit den Gemeinden ausbauen, quasi als Geburtshelfer von Dorfläden zur Verfügung zu stehen.
Frage: Kaufen die Kunden in kleinen „Um´s Eck“-Geschäften und Dorfläden, automatisch teurer ein als bei Aldi, Lidl und den großen Supermärkten?
Dr. Thomas Dörfelt: Wir haben im letzten Jahr durch 50 Studenten der Fachhochschule Würzburg/Schweinfurt eine umfangreiche Studie zum Thema Seniorenmarketing erstellen lassen. Der Preis war ein Punkt – mit dem erstaunlichen Ergebnis, daß der Warenkorb Tante Emma preislich mit anderen Vertriebsformen im Lebensmittelhandel absolut mithalten kann, ja, zum Teil sogar preiswerter zu haben ist. Der einzige Unterschied: Die großen Filialisten locken durch Unter-Einstands-Angebote bei einigen wenigen Artikeln, die im Fokus stehen. Dadurch haben viele Verbraucher den falschen Eindruck, daß auch die Regalware niedrig im Preis sei.
Frage: Ist die LHG nicht auch ein „kleiner Fisch“ im großen Haifisch-Becken mit Edeka, REWE, Aldi, Lidl & Co.?
Dr. Thomas Dörfelt: Sie hätten gewiß recht, würden wir allein einkaufen wollen – das aber tun wir aus gutem Grund nicht: die LHG kauft über die große Markant ein, die auch viele Große wie Kaufland, Schlecker oder Famila nutzen. Haifische wie andere wollen wir nicht sein, sondern partnerschaftlich mit den Lieferanten zusammenarbeiten. Das heißt aber nicht, daß wir nicht auch Zähne zeigen können, wenn man uns unfair behandelt…
Frage: Geben Sie bitte den kleinen Lebensmittelhändler 3 bis 5 Empfehlungen für die erfolgreiche Führung eines „Um´s Eck“-Geschäftes oder Dorfladens.
Dr. Thomas Dörfelt:
1. Die Frische ist das Aushängeschild der Nahversorger: sehen Sie sich täglich mehrmals Ihre Obst- und Gemüseabteilung an und ordern Sie nicht zu ängstlich!
2. Kontrollieren Sie sich selbst und tragen Sie Ihre Kontrollen in Checklisten ein, die Ihnen Ihr Großhändler für alle heiklen Bereiche zur Verfügung stellt. Darüber freuen sich die Verbraucher und auch die Lebensmittel-Kontrolleure!
3. Sehen Sie sich Ihr Geschäft immer wieder „mit den Augen eines Fremden“ an: Ist es wieder einmal notwendig, die Ladeneinrichtung umzugestalten, zu relaunchen? Sollte ich meine Angebote an einer anderen Stelle platzieren? Sollte ich die Präsentation in der Kassenzone doch anpacken bzw. verbessern?
4. „Wer nicht wirbt, der stirbt“: diese alte Kaufmannsweisheit gilt heute mehr denn je. Natürlich wissen Sie nicht immer, wieviel mehr an Umsatz ein Handzettel oder eine sonstige Aktion gebracht hat, aber: Werbung aufgeben bedeutet sich aufzugeben! Bleiben Sie im Gespräch in allen umliegenden Haushalten, gehen Sie in die Vereine, bauen Sie Ihr regionales Netzwerk aus!
5. Ja, es gibt solche Kunden, die Ihr Geschäft betreten und die Ihnen die Fröhlichkeit nehmen können! Entwaffnen Sie deren schlechte Laune durch Freundlichkeit, durch einen Scherz, denn: einen Streit mit seinen Kunden hat noch kein Händler gewonnen!
Am Gespräch in Eibelstadt bei Würzburg nahm neben LHG-Geschäftsführer Dr. Thomas Dörfelt (links) auch LGH-Vertriebsleiterin Anja Roggenbuck (Mitte) und LHG-Geschäftsführer Bernd Weykopf (rechts) teil. In der LHG-Zentrale in Eibelstadt wurden zahlreiche Exponate aus dem Lebensmittel-Einzelhandel des letzten Jahrhunderts gesammelt und ein kleiner “Tante Emma-Laden” aufgebaut. Durch Beratung und Unterstützung und mit dem modernen “Um´s Eck”-Vertriebskonzept will die LHG kleine Lebensmittel-Einzelhändler und Dorfläden zu modernen “Turbo Emma”-Läden entwickeln und zukunftssicher ins 21. Jahrhundert führen.


















