300.000 € von Bürgern für Dorf-Supermarkt

Hamburger Abendblatt_400

Die Schließung des letzten Lebensmittelgeschäftes in kleinen Dörfern ist nicht neu – das Bürger dann die Zukunft des Dorfes in die Hand nehmen und einen Dorfladen “von Bürgern für Bürger” gründen auch nicht. Neu und immer öfter auf der Tagesordnung im ländlichen Raum ist die mangelnde Nahversorgung sogar in größeren Dörfern mit 2.000, 2.500 oder gar 3.000 Einwohnern. Längst ist die Unterversorgung der Einwohner in Stadtteilen angekommen. Im 2.500 Einwohner zählenden Resse in der Gemeinde Wedemark nördlich von Hannover sammelten die Bürger jetzt über 300.000 € “Bürger-Eigenkapital”, gründeten eine Genossenschaft und kauften einen “Dorfladen” im Supermarkt-Format. Lesen Sie dazu den Bericht im Hamburger Abendblatt vom 20.11.2009:Hamburger Abendblatt_Bericht_300Hannover. Die Bürger von Resse haben sich gestern selbst gefeiert, und das aus gutem Grund: In dem Dorf vor den Toren der Landeshauptstadt Hannover öffnete an diesem Tag wieder ein Tante-Emma-Laden mit einem Angebot im Supermarkt-Format. Doch nicht irgendeiner, sondern der Markt der Dorfbewohner – finanziert von mehr als 100 Bürgern. Jeder zahlte mindestens 3000 Euro in die eigens gegründete Genossenschaft ein.

Mit dem Geld wurde genau das Haus gekauft, in dem zuvor der letzte Dorfladen aufgegeben hatte. Das Gebäude wurde renoviert und ein moderner Laden hergerichtet. Für den fand sich ein neuer Betreiber.

Ralf Würtz, Vorstand der Genossenschaft, erinnert sich, wie alles angefangen hat. In der Gaststätte hatten sie sich gemeinsam über den Verlust des Ladens geärgert: “Im Prinzip ist die Idee am Stammtisch entstanden.”

Das Modell einer Genossenschaft kommt nach Angaben des niedersächsischen Städte- und Gemeindebundes immer mehr in Mode, wenn Bürger gemeinsam etwas auf die Beine stellen. So wurde beispielsweise auch das Hallenbad in Nörten-Hardenberg von Bürgern gerettet, die sich zu einer Genossenschaft zusammenschlossen. Auch das Bioenergiedorf Jühnde bei Göttingen ist eine Genossenschaft, es ist das erste Dorf, das seinen Energiebedarf komplett aus regenerativen Energien herstellt.

Thorsten Bullerdiek vom Städte- und Gemeindebund in Hannover sagt: “Wir versuchen zurzeit dieses Modell der Genossenschaft weiterzuentwickeln und in den Gemeinden bekannter zu machen.” Denn die Probleme, die der 2500-Seelen-Ort Resse in der Wedemark hatte, kennen auch viele andere Dörfer: Die Infrastruktur verschwindet mehr und mehr. “Bei uns ging das 2006 los, da hat die Ärztin angekündigt, dass sie altersbedingt aufhören wird”, erzählt Ralf Würtz. Früher hatte das Dorf einmal drei Kaufmannsläden, doch dann schloss auch die Sparkasse, und der letzte kleine Supermarkt im Ort musste ebenfalls aufgeben. “Wir haben darüber am Stammtisch diskutiert, und dann haben wir das getan, was man in einem Dorf eben tut: Wir haben einen Verein gegründet”, berichtet Würtz.

Mehr als 400 Bürger wurden Mitglieder. Sie ließen sich von einer Gesellschaft für kleine und mittlere Betriebe professionell beraten und konnten als Erstes einen Arzt aus einem zehn Kilometer entfernten Nachbarort dafür gewinnen, eine Ablegerpraxis in ihrem Dorf zu eröffnen. Dann ging es um die Zukunft des Supermarktes. Eine Genossenschaft schien der beste Weg zu sein, um den Laden neu zu eröffnen – und tatsächlich waren viele Bürger bereit, für die Rettung des Ladens auch ein finanzielles Risiko einzugehen.

Hans-Joachim Rambow, Sprecher des niedersächsischen Unternehmerverbands Einzelhandel, kann die Aktion gut verstehen. Er weiß um die Verödung von immer mehr Dörfern, weil die Sparkassenfiliale, die letzte Kneipe, der letzte Arzt und schließlich auch der letzte Laden aufgeben. Aber Rambow warnt die Resser Bürger auch eindringlich, dass die einmalige Aktion keinen dauerhaften Erfolg für das Geschäft sichert: “Das geht nur gut, wenn die Bürger dort auch dauerhaft einkaufen.” Und ein kleiner Laden, rechnet Rambow vor, kann nun mal nicht die Preise bieten wie der Discounter: “Deshalb ist das Einkaufsverhalten der Knackpunkt.”

Der Resser Genossenschaftsvorstand Würtz zumindest ist optimistisch, dass die Bürger nun den neuen Dorfladen wirklich als “ihren Supermarkt” begreifen und dort auch den Wocheneinkauf erledigen. Und den Ort damit auch beleben.

Es gibt inzwischen ein niedersächsisches Dorfladen-Netzwerk, Markttreff nennt sich das entsprechende Modell in Schleswig-Holstein. Gemeinden helfen dabei, dass sich ein Lebensmittelladen ansiedelt und im selben Gebäude ein Treffpunkt für alle Bürger eingerichtet wird. Läuft alles nach Plan, gründet sich auch ein Markttreffverein. Der sorgt dann dafür, dass auch was los ist im Ort.

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Bürger für Resse e.VWeitere Informationen über die aktiven Bürger in Resse bei Hannover sind auf der Internetseite www.buerger-fuer-resse.de


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