FAZ: “Tante Emmas kecke Töchter”

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung veröffentlichte am 28.11.2009 eine umfassende Reportage über die neuen Dorfläden – “Tante Emmas kecke Töchter”. Den Bericht veröffentlichen wir nachfolgend.Die neuen Dorfläden: Tante Emmas kecke Töchter

Von Jan Grossarth, München – 28. November 2009

Andrea Pichler ist Geschäftsführerin des Dorfladens Gelting. Dafür erhält sie 800 Euro im MonatAndrea Pichler ist Geschäftsführerin des Dorfladens Gelting. Dafür erhält sie 800 Euro im Monat

Hurlach liegt 30 Kilometer südlich von Augsburg, ist von Getreidefeldern umgeben, und hinter den Feldern liegen andere Dörfer mit Filialen von Aldi, Lidl oder Rewe. In Hurlach aber haben die Einkaufsmärkte keine Filiale, denn das Dorf hat nur 1650 Einwohner. Seit zwei Jahren gibt es im Ort aber wieder einen Dorfladen. Vor seinem Eingang ist das Tagesangebot plakatiert: „Seele – Stück 70 Ct“. Ein langgezogenes Brötchen heißt hier im bayerisch-schwäbischen Grenzgebiet „Seele“.

Dass es in einem Dorf wie Hurlach einen Laden gibt, ist nicht mehr selbstverständlich. Die Leute müssen einige Kilometer weit in den Supermarkt fahren. Und dort gibt es dann meist nur Brötchen, aber keine Seelen.

Geschäftsmodell aus der Nachkriegszeit

Das Geschäftsmodell gilt längst als tot. Trotzdem eröffneten in den vergangenen Jahren allein in Bayern 80 neue Tante-Emma-LädenDas Geschäftsmodell gilt längst als tot. Trotzdem eröffneten in den vergangenen Jahren allein in Bayern 80 neue Tante-Emma-Läden

Der Dorfladen gilt als ein Geschäftsmodell aus den fünfziger Jahren, das längst nicht mehr funktioniert. Trotzdem gibt es Jahr für Jahr Neugründungen. Dahinter stehen keine Konzerne, mit Ausnahme türkischer Gemüsehändler auch sehr selten Einzelunternehmer, sondern ganze Dörfer. Der Dorfladen Hurlach ist im Besitz einer Bürger-Genossenschaft, ebenso wie die Läden im oberbayerischen Gelting oder Harthausen. Es sind drei von rund 80 neuen Kleinsteinkaufsläden, die es allein in Bayern gibt. In ihnen riecht es nach neuem Holz und nach Brot und Kaffee. Sie sehen nicht nach dem verstaubten Tante-Emma-Laden aus, sondern wie aufgeräumte Mischlinge aus Minisupermärkten und Marktständen.

Nicht weit von Hurlach haben sich an einem Herbstmittwoch 40 Bürgermeister versammelt. In dem ehemaligen Benediktinerkloster Thierhaupten bei Augsburg ist heutzutage eine Schule für ländliche Raumentwicklung angesiedelt, der Sitzungssaal im Kloster ist voll, das Thema der heutigen Tagung lautet: „Tante Emma ist wieder da“. Regelmäßig finden hier derart erbauliche Seminare zum Thema statt, wie ein Dorfladen im 21. Jahrhundert noch existieren könne.

Ein fränkischer Bürgermeister erzählt, der einzige Laden in seinem Dorf werde bald schließen. Seine Amtskollegen berichten: In der Siedlung im Ostallgäu halte nicht einmal mehr der Bäckerwagen – und seit in Fuchstal, Oberbayern, der letzte Laden vor 30 Jahren dichtgemacht habe, sei der verbliebene Treffpunkt für die Älteren der Friedhof. Die Bürgermeister klingen besorgt. Es sieht so aus, als ginge es ihnen um mehr als nur um Einkaufsmöglichkeiten. Ist kein Laden mehr im Ort, ist kein Leben mehr im Ort, und die Bürgermeister wollen keinem toten Dorf vorstehen.

So sexy wie Feinrippunterwäsche

Die Bürgermeister sind auch deshalb ins Kloster gereist, um den Seminarredner Wolfgang Gröll zu hören. Gröll, der Unternehmensberater, wird in der Landschule wie ein Schlagerstar angekündigt: „Sie alle kennen ihn aus Funk und Fernsehen.“ Gröll ist wohl Deutschlands einziger Unternehmensberater, der sich auf Dorfläden spezialisiert – ein Thema, das für Consultants so sexy ist wie Feinrippunterwäsche oder wie ein Sparbuch.

Er ist eine sehr bayerische Erscheinung, auch ganz ohne dass er dafür Tracht tragen müsste. Er führt den Boom der Discountmärkte auf den menschlichen Jäger- und Sammlertrieb zurück, doch dieser sei irrational, denn nach den Billigeinkäufen lande meist die Hälfte der Produkte im Müll und am Ende sei alles teurer, sagt er etwas überspitzt: „Menschenskinder, sind wir blöd!“

Senkt die Preise! Und macht Werbung!

Der Laden eröffnet, und Seil-Sepp (mit Hut) ist auch dabeiDer Laden eröffnet, und Seil-Sepp (mit Hut) ist auch dabei

Gröll berät die Dorfläden dahin gehend, dass sie die Lebensmitteldiscounter mit ihren eigenen Waffen schlagen sollen. Sie müssten Massenware zum Niedrigpreis anbieten, ihren Gewinn hingegen mit frischem Obst, Fleisch, Brot und Käse erzielen. Sie müssten offensiv mit fett gedruckten Niedrigpreisen werben. Doch der große Wettbewerbsvorteil sei für den Tante-Emma-Kenner die besondere Kundenbeziehung, die keine Supermarktfiliale aufbauen könne. Gröll hat seinen Vortrag vermutlich schon hundertmal gehalten, doch trotzdem entwickelt er Leidenschaft: „Ein Dorfladen ist immer auch ein emotionales Gebilde.“

Am Tag nach dem Bürgermeisterseminar feiert Harthausen seine Neugeburt. Harthausen hat 870 Einwohner und liegt östlich von München im Speckgürtel. In Harthausen gab es zuletzt noch einen Kaugummi- und einen Zigarettenautomaten; vor vier Jahren schloss die Metzgerei, weil der Metzger in den Ruhestand ging. Der neue Dorfladen liegt in einem alten Feuerwehrhaus. Das Dorf wirkt nervös. Im 80 Quadratmeter großen Geschäft sind fünf Minuten nach der Öffnung alle Brezeln ausverkauft, die Schulbuskinder hatten größeren Hunger als erwartet, die acht Verkäuferinnen an der Kasse vertippen sich häufig, ein Fotograf der Lokalzeitung lässt fünf Damen an der Käsetheke ihre Daumen hochhalten. Eine Katzenbesitzerin beschwert sich darüber, dass es kein „Sheba“-Futter gebe. Alles ist noch neu.

Die Härten des Frühkapitalismus

Die Dorfgemeinschaften werden selbst zum Unternehmer, weil sie für kein großes Handelsunternehmen mehr interessant sind. Schon im neunzehnten Jahrhundert nahmen Menschen, wenn sie sich von den Konzernen alleingelassen fühlten, die Wirtschaft selbst in die Hand. Landwirte und Kleinbürger gründeten Genossenschaftsbanken, weil sie, außer von Wucherern, kaum Kredite bekamen. Auch andere Wirtschaftszweige halfen sich selbst, als kein anderer ihnen half: Handwerker und Händler in Einkaufsgenossenschaften, Arbeiter in Konsumgenossenschaften. Die Genossenschaftsbewegung war eine Antwort auf die Härten des Frühkapitalismus. In den Dörfern ist sie wieder aktuell.

Auch der Dorfladen Harthausen ist im Besitz einer Genossenschaft. Rund zweihundert Dorfbewohner erwarben einen Anteil, jeder gab zweihundert Euro, und das Geld genügte als Startkapital für Regale, Kühltheken, Geräte und Lebensmittel. Trotzdem gäbe es ohne die ehrenamtliche Mithilfe der Bürger kein Dorfgeschäft: Harthauser Handwerker bauten die Regale, Maurer mauerten, Maler malten, der Seil-Sepp leiht dem Laden seinen Anhänger zum Transport der Getränkekisten. Am Tag vor der Eröffnung legte eine professionelle Wurstfachverkäuferin die Würste in der Kühltheke zurecht, die Damen fotografierten die Auslage als Anleitung für ihre künftige Selbständigkeit.

Die Älteren leben auf

Gespräche an der WurstthekeGespräche an der Wursttheke

Selbst wenn ein Tante-Emma-Laden noch Geld verdient, schließt er oft deswegen, weil ihn niemand übernehmen will. Oft ist es auch so, dass dann die vielen Menschen, die die Existenz kleiner, individueller Lädchen begrüßen, sehr gerührt bedauern, dass wieder ein altes inhabergeführtes Fachgeschäft schließt. Kaum jemand ist aber bereit, ein paar Cent mehr für seinen Einkauf zu zahlen – zumal der Dorfladen oft nur gefühlt, nicht aber tatsächlich teurer ist als der Supermarkt (siehe Tabelle).

Wenn es im Dorf wieder einen Laden gibt, schenkt dieser vielen alten Menschen ihre Selbständigkeit zurück. Am Mittag rollt im neugegründeten Laden in Harthausen eine 89 Jahre alte Frau mit ihrer Gehhilfe in den Markt, seit heute kann sie wieder selbst einkaufen gehen, zum ersten Mal seit Jahren. Zuletzt, sagt sie, brachten ihr Verwandte die Einkäufe mit, alle 14 Tage.

Sechs Euro in der Stunde

Wolfgang Gröll hat sich als Unternehmensberater auf Dorfläden spezialisiert. Andere Berater finden dieses Thema nicht sehr aufregendWolfgang Gröll hat sich als Unternehmensberater auf Dorfläden spezialisiert. Andere Berater finden dieses Thema nicht sehr aufregend

Kein Dorfladen überlebt nur dadurch, dass er nostalgische Gefühle weckt. Aber vielleicht ist es ein Vorteil, dass seine Mitarbeiter nostalgische Gefühle für die Sache hegen – und für nicht so viel Geld arbeiten. Gelernte Bäckereifachverkäuferinnen, Bürokaufleute, die meist vorher Hausfrauen waren, arbeiten halbtags auf 400-Euro-Basis. Sibylle Christl hat gute Kindheitserinnerungen an Dorfläden. Ihre Mutter ging mit ihr, Mitte der sechziger Jahre, immer in den kleinen Eckladen einkaufen, der schloss, als der Supermarkt öffnete. „Vielleicht arbeite ich hier auch deswegen mit, weil ich das Einkaufen als Kind immer als so toll erlebt habe“, sagt sie. Es ist für die Familien der Mitarbeiter meist nur ein Zuverdienst. Die Angestellten der Dorfläden bekommen umgerechnet rund 6 Euro in der Stunde, ein allgemeiner Mindestlohn wäre das Aus für die neuen Tante-Emma-Läden.

Als sie vor vielen Jahren nach Harthausen zog, lernte Sibylle Christl, die ein freundliches rundes Gesicht hat, ihre neuen Nachbarn vor allem bei ihren Einkäufen in der Metzgerei kennen. „Das habe ich sehr vermisst.“ Die Damen im Laden tragen türkisfarbene Polohemden, an deren Kragen haben sie Wäscheklammern mit ihren Vornahmen befestigt. Johanna Mayer, die Geschäftsführerin, die am Eröffnungstag angespannt wirkt, ist gelernte Floristin und sah im Dorfladen eine Chance, etwas für das Dorf zu tun. Für sie war der Dorfladen auch eine gute Gelegenheit, wieder eine Arbeit zu finden, zu der sie keinen weiten Weg fahren muss.

Geringer Verlust – ein großer Erfolg

Helmut Weihrather in dem Dorfladen Hurlach. Die neuen Tante-Emma-Läden gehören Genossenschaften, an denen ganze Dorfgemeinschaften beteiligt sindHelmut Weihrather in dem Dorfladen Hurlach. Die neuen Tante-Emma-Läden gehören Genossenschaften, an denen ganze Dorfgemeinschaften beteiligt sind

Der Dorfladen Gelting liegt nahe dem oberbayerischen Wolfratshausen und wirtschaftet schon seit einem Jahr erfolgreich. Erfolgreich heißt: In den vergangenen beiden Monaten machte der Laden weder Gewinn noch Verlust, am Jahresende wird wohl ein geringer Verlust in den Büchern stehen. Die Preise sind etwas höher, was den Kunden wohl nicht auffällt, da Starnberg nahe ist, der reichste Landkreis. Dem Laden gelingt es sogar, Kaffee mit Geltinger Etikett als „regionales“ Produkt zu verkaufen. Die Erdbeermarmelade von der Bäuerin kostet 4,50 Euro, die Marge für den Laden liegt bei mehr als 60 Prozent, das ist eine perfektionierte Dorfladenbetriebswirtschaft.

In Gelting gab es bis vor drei Jahren auch einen Edeka-Markt, der dem später neu gegründeten Dorfladen ähnelte. Doch Edeka schloss, weil, so sagen die Geltinger, viele den Inhabern ihren Profit nicht gönnten und lieber ins Nachbardorf in den anonymen Supermarkt fuhren. Solcher Neid ist im Genossenschaftsmodell kein Geschäftsnachteil mehr: Je mehr Gesellschafter es gibt, desto höher ist die Identifikation der Dorfbewohner mit ihrem Geschäft.

„Es ist unser Vorteil, dass wir nicht nur gewinnorientiert arbeiten“

Sibylle Christl (links) und Johanna Mayer am Tag der Eröffnung. Sie haben viele Stunden ehrenamtliche Arbeit investiertSibylle Christl (links) und Johanna Mayer am Tag der Eröffnung. Sie haben viele Stunden ehrenamtliche Arbeit investiert

Andrea Pichler ist auf 800-Euro-Basis Geschäftsführerin des Dorfladens Gelting. Nach dem Abitur begann sie ein Studium, das sie sich selbst finanzieren musste, wozu sie Kleidung nähte oder Schafsmilchseife herstellte und verkaufte. Das machte ihr immer mehr Spaß und das Studium immer weniger. Als sie schließlich auf einer Bürgerversammlung vom Dorfladenprojekt hörte, meldete sie sich. Sie wurde Verkäuferin, Geschäftsführerin. „Für einen Discounter würde ich nicht arbeiten, weil ich gern auch mit den Kunden sprechen mag.“ Dass der soziale und der kulturelle Aspekt des Wirtschaftens neben dem Profitstreben nicht untergehen, war schon ein zentrales Anliegen der Genossenschaftsbewegung. So steht es auch im deutschen Genossenschaftsgesetz, das schon auf ein Gesetz von 1868 zurückgeht.

Draußen in Gelting riecht es nach Landwirtschaft, drinnen brummt die gebraucht erworbene Kühltheke leise. Alle ein, zwei Minuten kommt ein Kunde in den Laden. Die meisten kaufen Brot, Obst und Käse, die Auswahl ist groß. „Wir schauen uns bei den Erzeugern tagelang an, wie die Sachen gemacht werden, um das Gefühl an die Kunden weitergeben zu können“, sagt Andrea Pichler, „das können wir uns leisten, es ist unser Vorteil, dass wir nicht nur gewinnorientiert arbeiten.“

Karrierechancen für sehr genügsame Menschen

Trotz des geringen Stundenlohns zeigen sich die Mitarbeiter der neuen Kramerläden recht zufrieden mit ihren neuen Jobs. Sibylle Christl erledigt zum Beispiel im Harthauser Laden den Einkauf und die Preisgestaltung, sie war zuvor 23 Jahre lang Hausfrau. Eine ältere Mitarbeiterin des Geltinger Dorfladens fand anderswo keine Stelle. Nun sei sie das „Zugpferd an der Wursttheke“, sagt ihre Chefin. Eine andere Verkäuferin kam von einer Buchhandlung. Sie suchte nach 40 Berufsjahren eine neue Herausforderung, heute verkauft sie Käse. Und auch in Hurlach sind die Erwerbsbiographien der Mitarbeiter ähnlich: Zwei Verkäuferinnen sind an diesem Nachmittag im Laden. „Es ist schön, hier zu arbeiten“, sagt die eine. „Wir müssen nicht betteln, wenn wir mal einen freien Tag möchten, sondern regeln das mit einem Anruf.“ „Dafür haben wir früher mehr verdient.“ Einige arbeiten im kleinen Kaufmannsladen für wenig Geld, weil sie das gern tun, andere können sich das nicht leisten.

Der Chef der Hurlacher Dorfladen-Genossenschaft, Helmut Weihrather, war früher Fluglotse. Der 59 Jahre alte gebürtige Hurlacher bekommt eine gute Pension und müsste sein Einkommen nicht mehr aufbessern. Sein Konzept: „Wir haben alles, was Sie brauchen, und was wir nicht haben, brauchen Sie auch nicht.“ Im Dorfladen Hurlach gibt es das Brot vom Bäcker aus dem Nachbardorf, Wildblumenkäse von einer Allgäuer Sennerei, die Mitarbeiter liefern schon mal einen Karton mit H-Milch zu einer älteren Kundin ins Nachbardorf oder einen ganzen Einkaufskarton an einen kranken Kunden.

Schoko-Nikoläuse nur im Advent

Der Dorfladen Hurlach erzielt sogar einen Gewinn, und die Umsätze steigen. Im ersten Jahr setzte er 370.000 Euro um, im zweiten schon 415.000 Euro, ein Plus von elf Prozent in der Krise.

Helmut Weihrather ist überzeugt davon, dass auch ein Privatunternehmer von so einem Laden leben könnte – „wenn er genügsam ist“. So, wie die türkischen Gemüsehändler. Er jedenfalls schätzt die Freiheiten, die große Filialisten nicht haben. Zum Beispiel die Freiheit, Schokoladennikoläuse erst Ende November aufzustellen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Andreas Müller, F.A.Z.


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