Möhnesee: Ein Dorf blüht wieder auf

Möhnesee. Drei Jahre nach Schließung des letzten Ladens lebt das Örtchen Völlinghausen am Möhnesee wieder auf: Die Einwohner haben sich zu einem Verein zusammengeschlossen – um ein Geschäft zu gründen. Seit Freitag ist es geöffnet.Kein Geschäft, kein Nichts. Ein Dorf verwaist. Mit der Schließung der Metzgerei im Herbst 2007 löst sich die Infrastruktur auf. Völlinghausen schaut nicht tatenlos zu. Das Dorf steuert dagegen. Mit Erfolg. Seit diesem Freitag hat der Ort am Nordrand des Möhnetals wieder ein Geschäft, mehr als das: ein Zentrum für die Dinge des täglichen Bedarfs.

Männer, Frauen und Kinder. Sie stürmen den Laden. Zwischen 9 und 17 Uhr zählt Leiterin Stefani Menke 304 Kunden. Kommentar der 28-Jährigen: „Wahnsinn.” Die Resonanz am Eröffnungstag ist riesig. Die Leute gucken nicht nur, sie kaufen auch. Am Vormittag, um zwei Beispiele zu nennen, tragen sie 90 Kilo Bananen, das Kilo für 0,69 Euro, und 30 Kilo Tomaten, das Kilo für 0,79 Euro, in Taschen und Tüten nach Hause. „Die Preise sind in Ordnung”, sagt Susanne Eikermann. „Es gibt keinen Dorfzuschlag.”

Großeinkauf – vor Ort

Die Mutter von zwei Mädchen macht Großeinkauf. Sie ist begeistert. „Endlich muss ich für einen Becher Sahne nicht mehr in einen anderen Ort fahren.” Körbecke und Sichtig or liegen sieben Kilometer entfernt. Wichtig ist es der 39-Jährigen auch, ihren Töchtern den Umgang mit Geld beizubringen. „Hier lernen sie es. Wo ist das sonst für die Kinder möglich?”

Helle Begeisterung an der Kasse, an der Wursttheke, im Café. Völlinghausen lebt auf. In stiller Freude genießt Heinz Frey aus Jülich das Gedränge. „Hier haben sie bisher alles richtig gemacht.” Was wenige wissen, Frey gehört zu denjenigen, die in Jülich-Barmen das erste Projekt dieser Art in NRW ins Leben gerufen haben. Und unsere Zeitung hat darüber berichtet. Das war im Februar 2008. Rainer Norbisrath und Rainer Bracke lasen den Artikel und ergriffen die Initiative.

Vereinsmitglieder haben 58.000 Euro gespendet

„Am Anfang sind uns die Leute mit Skepsis begegnet”, sagt Norbisrath. Das ist längst vorbei. Dem Verein, der als alleiniger Gesellschafter einer GmbH das DORV-Zentrum betreibt, gehören 216 Mitglieder an. 58 000 Euro haben sie gespendet. Die Umbauarbeiten in der früheren Gaststätte haben 90 000 Euro gekostet. Die Finanzierung steht auf festen Füßen. Das Kürzel DORV steht für (D)ienstleistungen und (o)rtsnahe (R)undum(V)ersorgung. Denn, das Zentrum bietet mehr als Brötchen, Obst, Wurst und Fleisch. Es gibt einen Hol- und Bringdienst, Postwertzeichen, Zeitungen, eine Reinigung und einen Apotheken-Bringdienst. Kurzum: eine Versorgung mit den Dingen des täglichen Bedarfs. Die festangestellte Leiterin Menke wird von vier 400-Euro-Kräften unterstützt. Zwischen der Waffel-Mischung und der H-Milch in den Regalen ist die Freude über die neue Anlaufstelle im Ort spürbar.

Mittendrin stehen an diesem Nachmittag der evangelische Pfarrer Gerhard Ebmeier und sein katholischer Kollege, Dechant Gerhard Best. Sie segnen das Haus. Ebmeier: „So ein Laden hat hier gefehlt.” Norbert von Tolkacz nickt. Der Vorsitzende vom Heimatverein Möhnesee kennt die Situation aus Brüllingsen: „Da existiert die Versorgung nicht mehr.” Handelsketten haben sich nicht für das Projekt interessiert. Sein Schreiben wurde bis heute nicht beantwortet.

Verein des Jahres 2009

Das stört an diesem Nachmittag niemanden mehr. Der Auftakt ist mehr als vielversprechend. Die DORV-Gemeinschaft, die 5000 Euro als Sieger im Wettbewerb „Verein des Jahres 2009” erhielt, zu dem die Regionale und unsere Zeitung damals aufgerufen hatten, hat ihr Versprechen gehalten und ihr Projekt verwirklicht. Für die Landesregierung gratuliert Verbraucherminister Eckhard Uhlenberg: „Es ist wichtig, dass ein Ort so einen Treffpunkt hat. Ihr Zentrum hat Vorbildfunktion für ganz NRW.” Und das ein Minister zum Einkaufen auffordert, passiert nicht alle Tage: „Kommen Sie und kaufen Sie ein. Das ist Bürgergesellschaft im besten Sinne.”

Quelle: Der Westen – 9.4.2010


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