Nachrichtenagentur berichtet über Dorfladen

ddp_logoAls in Otersen das letzte Lebensmittelgeschäft geschlossen wurde, gründeten die Einwohner ihren eigenen Dorfladen «von Bürgern für Bürger». Der plattdeutsche Name «Use lüttje Dörpslaoden» habe sich nicht durchgesetzt, wohl aber das Konzept, sagt Aufsichtsrat Günter Lühning.

Im kommenden Jahr wird der «Dorfladen» in Otersen in der Gemeinde Kirchlinteln im niedersächsischen Landkreis Verden zehn Jahre alt. Für dessen Zukunft werden jetzt schon die Weichen gestellt.

Gerade hat die Dorfladen-Bürgergesellschaft ein altes Fachwerkhaus gekauft, in das nicht nur das Geschäft, sondern auch ein Café einziehen soll. «Wir brauchen ein zusätzliches wirtschaftliches Standbein, um den Dorfladen nachhaltig zu sichern», sagt Lühning. Da es im Ort kein Dorfgemeinschaftshaus gebe, schwebten ihm in dem künftigen Dorf- und Radlercafé unter der Woche soziale Angebote für alle Generationen wie eine Mutter-und-Kind-Gruppe und ein Seniorentreff vor. An den Wochenenden könnten hier Touristen Halt machen. «Von Mai bis September kommen 10 000 Fahrradfahrer auf dem Aller-Radweg durch Otersen», erzählt Lühning. Für die möchte er vor dem Haus eine Sonnenterasse anlegen.

Inka Prigge-Wursthorn ist von der Idee begeistert. Die Mutter eines siebenjährigen Sohnes kauft täglich im Dorfladen ein. An diesem Tag ist sie schon das zweite Mal hier. «Ich habe vorhin Nackensteaks und Spare-Ribs fürs Grillen eingekauft», erklärt die 45-Jährige. «Als ich wieder zu Hause war, habe ich festgestellt, dass wir nicht mehr genügend Grillkohle haben», sagt Prigge-Wursthorn und lacht. Da sie praktisch gegenüber vom Laden wohne, sei das kein Problem. Anders wäre es, wenn sie dafür extra ins 15 Kilometer entfernte Verden fahren müsste.

«Es wäre ein schöner Schlamassel, wenn wir den Laden nicht hätten», ist Prigge-Wursthorn überzeugt. Neben der Versorgung – in den Regalen stehen rund 2000 Produkte  vom Joghurt bis zum Waschmittel – schätzt sie den Plausch mit den anderen Kunden und den Verkäuferinnen. «Die machen an der Kasse immer ein Ratespiel nach dem Motto »Was gibt’s heute Mittag bei Wursthorns«», erzählt die kaufmännische Angestellte. Verkäuferin Stefanie Sabelgunst, die vorher in einem Discounter gearbeitet hat, schätzt diesen Kundenkontakt. «Die meisten Kunden kennt man mit Namen, viele duzt man auch», berichtet sie.

ddp berichtet über Dorfladen Otersen_430

Mehr als die Hälfte der rund 520 Einwohner in Otersen engagieren sich nach Angaben Lühnings für den Dorfladen. Sei es durch den Kauf einer oder mehrerer Aktien  oder durch Eigenleistungen wie jetzt beim Umbau und der Sanierung des neuen Standorts mit 180 Quadratmetern Verkaufsfläche plus Café. Jede Dorfladen-Aktie habe einen Anteilswert von 250 Euro und eine Stimme bei anstehenden Entscheidungen. «Die Dividende ist Lebensqualität», sagt Aufsichtsrat Lühning. Das Motto heiße «Eigeninitiative statt Unterversorgung». Denn die Probleme, die der ländliche Raum ohnehin schon habe, würden vor dem Hintergrund des demografischen Wandels eher noch zunehmen, befürchtet der 49-Jährige.

Mit dem auf 350 000 Euro veranschlagten Zukunftskonzept solle die Nahversorgung auch weiterhin gesichert werden. «Gut 150 000 Euro steuern die EU und die Gemeinde Kirchlinteln aus öffentlichen Fördermitteln bei, die Bürger schultern insgesamt 100 000 Euro. Den Rest nehmen wir als Darlehen auf», rechnet Lühning vor. Nach seinen Angaben gibt es in Niedersachsen etwa zehn bürgergeführte Dorfläden. In Bayern und Baden-Württemberg seien es 100.

«Der Dorfladen in Otersen hat, so wie er betrieben wird, etwas von einem Pilotprojekt, weil andere davon lernen können», sagt Klaus-Dieter Karweik vom Amt für Landentwicklung in Verden. Das Besondere sei, dass sich das Projekt immer wieder den Herausforderungen stelle und sich zeitgerecht erneuere – «und das mit viel bürgerlichem Engagement». Über die Grundversorgung hinaus sei der Dorfladen als «Schaltstelle der Kommunikation eine wichtige Ebene für die innere dörfliche Mitte».

Verkäuferin Stefanie Sabelgunst (r.) beim Abwiegen. Viele der Kunden sind auch Teilhaber des Dorfladens. Foto: ddp

Verkäuferin Stefanie Sabelgunst (r.) beim Abwiegen. Viele der Kunden sind auch Teilhaber des Dorfladens. Foto: ddp

«Über die Notwendigkeit eines Dorfladens entscheiden immer die Bürger im Ort», sagt Lühning, der die Erfahrungen der Otersener und Ratschläge für andere interessierte Dörfer in Deutschland in einem Handbuch zusammengefasst hat. «Wenn die Bürger im Dorfladen nur den Brühwürfel kaufen, den sie im Supermarkt vergessen haben, dann geht es nicht», sagte er kürzlich bei der Vorstellung des Konzepts in Nordrhein-Westfalen. Deshalb gehe die Entwicklung eines modernen Tante-Emma-Ladens heute auch verstärkt in Richtung Dienstleistung und sozialer Treffpunkt.

«Aktionärin» Inka Prigge-Wursthorn bezahlt derweil an der Kasse ihre Grillkohle. «Ich habe den letzten Sack ergattert», sagt sie erfreut. Der Grillabend mit der Familie ist gerettet.

ddp


Einen Kommentar schreiben

du mußt angemeldet sein, um kommentieren zu können.