Eine Frage der Dorfgemeinschaft
15. August 2010 von dorfladen-netzwerk | kein Kommentar
Oftmals ist der Friedhof der letzte öffentliche Treffpunkt im Dorf, nachdem der letzte Laden, die Bankfiliale, die Post und der Bäcker geschlossen haben. Immer öfter kommt es dann zu Trotzreaktionen in einem Dorf und zur bürgerschaftlichen Gegenbewegung – (Dorf-)gemeinschaftlich wird dann organisiert, was privatwirtschaftlich nicht mehr zu erhalten war. So auch in Berwangen, dem 1.400 Einwohner zählenden Dorf im Landkreis Heilbronn.
Kirchardt – Das Vorbild im Hohenlohischen gibt es: In Gottwollshausen und Gailenkirchen laufen genossenschaftlich geführte Dorfläden blendend. Berwangen will dem nacheifern. Werner Zwickel aus dem Kirchardter Ortsteil meint sogar: “Wir können das besser.” Zuversicht herrscht nach der Gründung der Genossenschaft für den Dorfladen. Ehrgeiziges Ziel des Orts, der seine eigene Nahversorgung ehrenamtlich organisiert, ist die Eröffnung Mitte November.
Einzige Lösung
Die Vorgeschichte ist die gleiche wie in dutzenden anderer Dörfer. Arzt, Haushaltswarengeschäft, Bankfiliale und Gaststätte sperrten nach und nach die Türe zu. Tante Emma, in Berwangen Lissi Haug, musste irgendwann aufgeben. Wie überall. Eine alte Berwangerin hat ihrem Mitbürger Joachim Hartmann mal ihr Leid geklagt: “Ich habe gar keinen Grund mehr, ins Dorf zu gehen.” Letzter öffentlicher Treffpunkt war der Friedhof. Der Niedergang des Dorflebens war einer der Gründe, warum der Gedanke so gut ankam, den zuletzt geschlossenen Laden an der Ortsdurchfahrt wieder zu eröffnen. “Mit der wohl einzig machbaren Lösung, der genossenschaftlichen Idee”, sagt Bürgermeister Rudi Kübler.
Seit dem vergangenen Jahr wurde diskutiert, es bildete sich ein Aktionskreis, man besichtigte die Dorfläden im Hohenlohischen, bot Anteile für die Genossenschaft zum Kauf an und führte Informationsveranstaltungen durch (die KS berichtete). Und tatsächlich: Der Pegel am Dorfladen mit dem Stand gezeichneter Anteile schnellte nach oben. 30 000 Euro Startkapital wurden nicht nur erreicht, sondern weit übertroffen: “37 700 Euro” meldete Mitinitiator Hartmann am Ende der Zeichnungsfrist. Am 5. August wurde die Genossenschaft “Unser Dorfladen Berwangen eG” in kleinem Kreis gegründet. Aufsichtsrat und Vorstand sind besetzt, jetzt sind Satzung und Businessplan an der Reihe. Wenn der Genossenschaftsverband alles geprüft und für gut befunden hat, kann die Genossenschaft eingetragen werden, und dann können alle rund 200 Anteilseigner der e.G. offiziell beitreten. “Wir haben uns einen sehr hehren Terminplan gesetzt”, meinte Hartmann bei einem Pressegespräch. Schließlich soll die Erwartung im Dorf nicht enttäuscht werden, außerdem winkt das Weihnachtsgeschäft als lohnender Einstand.
Deshalb werden derzeit Miet- und Lieferantenverträge verhandelt. “Der Schwerpunkt soll auf Frische liegen: Molkereiprodukte, verpacktes Fleisch und Wurst”, sagt Vorstandsmitglied Werner Zwickel. Ein Bestand von 1500 Artikeln wird angepeilt, deutlich weniger als ein Supermarkt mit rund 8000 Artikeln.
Personal gesucht
Derzeit werden Verkäufer gesucht: “Mit den Leuten, die hinter der Theke stehen, steht und fällt die Akzeptanz”, weiß Vorstand Jürgen Zinnikus. Der Geschäftsführer einer Sinsheimer Firma hat sich wie seine Mitstreiter von der Idee des genossenschaftlich geführten Ladens begeistern lassen. “Das war für mich eine Frage der Dorfgemeinschaft, da musste ich einfach mitmachen.” Dass hinter allem ein enormer Einsatz steckt, betonte Aufsichtsratsmitglied Josef Kaya: “Das ist Hochleistungssport im Ehrenamt.”
Lieferantenverträge
Kaum ist die Genossenschaft gegründet, schon kursieren Gerüchte. So erzählt man sich, Rewe werde den Laden zu Penny-Konditionen beliefern. Das kommentiert Vorstandsmitglied und ehemaliger Rewe-Mitarbeiter Werner Zwickel nicht. Derzeit werde mit mehreren Lieferanten verhandelt. Wichtig sei es, dass frische Ware drei Mal wöchentlich geliefert werde.
Gesichter der Genossen
Dem Aufsichtsrat gehören an: Helmut Ebert, Dieter Gebhardt, Josef Kaya, Joachim Hartmann und Harald Podlich. Der Vorstand: Jürgen Zinnikus, Conny Echtenacher, Harald Ehl und Werner Zwickel.
Quelle: www.stimme.de – 13.8.2010 Von Steffan Maurhoff
















