Unterschiede bei Machbarkeitsstudien – Erfahrungsbericht von „Dorfladlern“

Immer öfter machen sich engagierte Bürger „auf den Weg“, wenn der letzte Lebensmittelladen im Dorf für immer die Türen schließt. Immer öfter sind Bürgermeister, Kommunalpolitiker und engagierte Bürger es leid, sich von den großen Lebensmittel-Konzernen vorschreiben zu lassen, wie weit die Menschen im ländlichen Raum und in immer mehr Stadtteilen zum Einkaufen fahren müssen. Immer öfter stehen engagierte Bürger-Initiativen dann vor der Frage – fachlich qualifizierte Unterstützung für die Gründung und den Betrieb eines Bürger-Dorfladens zu erhalten. Aus Bayern hat das Dorfladen-Netzwerk kürzlich einen umfassenden Erfahrungsbericht erhalten, den wir im Interesse der Transparenz veröffentlichen.Der Erfahrungsbericht einer Dorfladen-Iniative aus Bayern im Wortlaut:

„Gravierende Qualitätsunterschiede zwischen den einzelnen Machbarkeitsstudien in Sachen Dorfladen

Wir, eine gründungswillige Bürgerinitiative, haben uns mit dem Thema einer Machbarkeitsstudie intensiv beschäftigt und mussten schnell feststellen, dass hier deutliche Qualitätsunterschiede bestehen.

Das Beratungsunternehmen IFNS in Seßlach, geführt von Herrn Prof. Hahn führt im Rahmen einer Machbarkeitsstudie „nur“ eine Bürgerbefragung mit ca. 23 Fragen. Weitere Module werden nur gegen Aufgeld zur Verfügung gestellt und oftmals nur nach Zeitaufwand verrechnet. Die angegebene Investition mit ca. 3.000 Euro ist für eine Auswertung der Befragung aus unserer Sicht weit überzogen. Eine verlässliche Kalkulation ist für uns als Initiativ-Gruppe nicht möglich. Bei der Überprüfung der Referenzen stellten wir sowohl bei der angegebenen Anzahl als auch bei der Qualität eklatante Mängel fest. So werden mittlerweile einige Projekte von anderen Beratern zum Abschluss gebracht. Ferner halten wir es als bedenklich, wenn sich ein Unternehmensberater sowohl kapitalmäßig –meist in einer GmbH- im Rahmen einer GmbH & Co. KG-Gründung im Dorfladen beteiligt als auch als Geschäftsführer tätig ist. Hier konnte uns der Dorfladen in Nordhalben (Nordwald-Markt)  gut weiterhelfen. Im Rahmen einer Verprobung eines Ladens ist uns auch folgendes aufgefallen: Bei einer wöchentlichen Öffnungszeit von 71 Stunden pro Woche werden eine Vollzeitkraft und 3 Aushilfskräfte mit einer Brutto-Einsatzzeit pro Woche von ca. 88 Stunden beschäftigt. Ziehen wir die tariflichen Urlaubstage und die Feiertage ab, so verbleiben ca. 70 Stunden pro Woche übrig. Nicht berücksichtigt sind die Doppel-Besetzzeiten, die zu Stoßzeiten einfach notwendig sind. Hier stellte sich schnell die Frage, woher kommen dann die anderen Verkäuferinnnen, um die Fehlzeiten abzudecken? Hier konnte oder wollte uns Herr Prof. Hahn (Hon.-Prof an der Euroegio-Hochschule; www.eunicollege.com) keine Antwort geben.

Bei der Bewertung durch DORV konnten wir bestimmte Zahlen nicht nachvollziehen. Einmal wird ständig auf die Empirik und auf ein „wissenschaftliches System“ hingewiesen, zum anderen wird mit einer einfachen Feststellung „mit dem System DORV“ der Umsatz um knapp 90 % gesteigert. Auch wird bei einer Investition von ca. 150 T€ eine jährliche Abschreibung in Höhe von 5 T€ berücksichtigt. Dieser Wert wird auch nicht verplausibilisiert. Eine Handelsspanne in Höhe von 25 % erscheint für die Anlaufphase –so die Bestätigung zahlreicher Dorfladenbetreiber- als weit überhöht angesetzt. Im Rahmen einer Gründungsveranstaltung wurde sogar zur Gründung einer GbR mit Haftungsbeschränkung hingewiesen. Diese Rechtsform wurde bereits vom Bundesgerichtshof als nicht möglich deklariert. Auch dürfte eine Gründung des e.V. aufgrund des Rechtsformmissbrauches weder mittelbar (als Kapitalgesellschaft für die Gründung einer GmbH) als auch unmittelbar ein großes Risiko darstellen. Auch hier wird –ähnlich wie bei IFNS- ständig darauf hingewiesen, weitere Module wie „Sortimentsgestaltung“ etc. für viel Geld zu erwerben. Eine klare Kalkulationsbasis im Rahmen einer Begleitung auch hier: Fehlanzeige!

Begleitung und Informationsmaterial durch den Dorfladen Otersen: Das zur Verfügung gestellte Handbuch verrät viele Details und wird von hoher Ehrlichkeit getragen. Die Auskünfte durch Herrn Lühning waren immer korrekt und nachvollziehbar. Hier holten wir uns einen sehr hohen Grad an Informationen, die mit dem Preis des Handbuches mehr als günstig zu erwerben waren.

Bei der Recherche stoßen wir auch auf das Unternehmen New WAY. Hier wird im Rahmen einer Machbarkeitsstudie der Standort erfasst, eine Investitions- und Finanzierungsplanung und eine auch für uns nachvollziehbare Kostenplanung erstellt. Optional kann eine Bürgerbefragung mit ca. 26 Fragen hinzugenommen werden. Die Begleitung –so die Bestätigung zahlreicher Dorfläden- erfolgt stets ohne Zusatzverrechnung von Zeiten und/oder Reisekosten. Inklusive der Begleitung zur Gründungsveranstaltung des Dorfladens waren alle Kosten in der Machbarkeitsstudie bereits erhalten. Aus unserer Sicht eine faire Betreuung und auch vertretbar bzw. zu empfehlen. Wir werden demnächst Kontakt aufnehmen.

Die Firma Tegut bietet ein weiteres Full-Service-Programm unter dem Namen „Ein Lädchen für Alles“ an. Problem ist hier, dass man eine Festvergütung in Höhe von 12 % erhält, davon aber die Personalkosten (ca. 14 % vom Umsatz), die Raumkosten (ca. 2,5 % vom Umsatz) und sonstige Kosten wie Buchhaltung, Versicherungen, Werbung etc., davon bezahlen muss. Sofern man die Ladeneinrichtung von Tegut bezieht, sind nochmals 2 % als Inventarmiete fällig. Wir rechnen mit einem Jahresumsatz von ca. 400.000 Euro, was heißt, dass man weitere 8.000 Euro an Kosten aufzubringen hat. Auf dem Gebraucht-Geräte-Markt für Ladeneinrichtungsgegenstände haben wir Angebote für Ladeneinrichtungen in Höhe von ca. 15.000 Euro erhalten. Demnach würde die Inventarmiete innerhalb von 2 Jahren die gesamte Investition abdecken. Für uns nicht machbar.

Fazit:
Die aus uns am fairsten dargestellten Angebote waren einmal der Dorfladen Otersen und die Firma New WAY GmbH. Wichtig für uns Dorfladler ist es, dass wir seriöse und faire Geschäftspartner haben. Auch haben uns die „Allgemeinen Richtlinien“ vom Dorfladen-netzwerk.de deutlich weitergeholfen.

14. Dezember 2012 – Erfahrungsbericht einer Dorfladen-Initiative aus Bayern“

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